Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Mann  wie  Kaunitz^')  in  einer  Universal-Tabelle,  „so  die  Population, ­
  Getraid,  Wein-  und  andere  Fechsung,  Viehzucht,  Manufacturen  etc.  einer
jeden  Provinz  enthielte“.  Diese  Universal-Tabelle,  deren  Tendenz  den
oben  angedeuteten  statistischen  Grundlagen  einer  Naturalberechnung  nahekommt, ­
  war  ajs  Hilfsmittel  umfassender  staatsmännischer  Wirksamkeit  gedacht: ­
  „da  ja  nur  gute  Populations-,  Culturs-,  Manufacturs-  und  Commercial-Tabeilen
  etc.  der  Grund  von  aller  Aufsicht  einer  wahren  Staats-Oeconomie
seyen,  ohne  welche  man  niemahlen  mit  gehöriger  Verläßlichkeit  in  das  Große
arbeiten  kann“.  Diesen  Tendenzen  entsprach  es,  daß  man  alle  Kreise,  die
irgendwie  an  der  Verwaltung  mitwirkten,  auch  die  Geistlichen,  mit  nationalökonomischer ­
  Bildung  auszustatten  suchte.  Aber  kaum  hatte  der  Absolutismus ­
  die  Hemmungen  des  Adels  und  der  Stände  einigermaßen  beiseite  geschoben ­
  und  wirklich  bedeutsame  Ansätze  zu  einer  trefflichen  Universalstatistik ­
  geschaffen,  die  auch  die  Produktionsstatistik  umfaßte,  als  schon
der  sich  entfaltende  Liberalismus  und  Individualismus,  sowie  die  überhandnehmende ­
  Geldbetrachtung  die  weitere  Entwicklung  verhinderten.
Die  Geldbetrachtung,  die  in  einem  individualistischen  Denken  wurzelte
und  den  Individualismus  wieder  ihrerseits  förderte,  ließ  die  konkreten  Bedingungen ­
  der  Wirtschaft  vielfach  stark  in  den  Hintergrund  treten  und  bevorzugte ­
  Geldsummen  als  Ausdruck  staatlichen  Reichtums.  Überdies  wurde
überhaupt  das  Interesse  an  der  Volkswirtschaft  als  einem  wohl  organisierten
Ganzen  zurückgedrängt,  die  Idee  eines  Wirtschaftsplanes  verschwand  und  das
Nebeneinander  der  Einzelnen  trat  in  den  Vordergrund.  Dazu  kam  noch,  daß
der  wirtschaftliche  Liberalismus  mit  dem  politischen  eng  verbunden  war,  welcher ­
  in  den  Bemühungen  der  absolutistischen  Statistik  entweder  bereits  eine
unmittelbare  Verletzung  der  persönlichen  Sphäre  oder  mindestens  die  Vorbereitungen ­
  zu  einer  solchen  erblickte.  So  kam  es,  daß  schließlich  das  Recht
des  Staates  auf  statistische  Erhebungen  immer  mehr  eingeschränkt  und  seitens
der  Bürger  sorgfältig  darauf  geachtet  wurde,  daß  nicht  auf  dem  Umwege
über  die  Statistik  die  Lust  der  Regierungen,  planmäßig  leitend  einzugreifen,
begünstigt  würde.
Der  Krieg  scheint  nun  auf  diesem  Gebiete  die  schon  vorher  einsetzende
Bewegung  zugunsten  statistischer  Erfassung  aller  Wohlfahrtsbedingungen
mächtig  gefördert  zu  haben.  Denn  selbst  jene,  welche  jede  Vielregiererei
fürchten,  fordern  heute  mehr  oder  weniger  energisch  Klarheit  über  die  Grundlagen ­
  der  Vojkswohlfahrt.  Die  bevorstehende  Neugestaltung  und  die  Bemühung, ­
  die  Kriegsfolgen  zu  übersehen,  verlangt,  daß  an  Zentralstellen  übersichtliche ­
  Tabellen  ein  möglichst  zuverlässiges  Bild  von  der  Güterbewegung,
der  Güterverteilung  und  anderen  wesentlichen  Tatsachen  geben.
Wir  sahen  freilich,  daß  nur  die  Lustverteilung  auf  diese  Weise  einigermaßen ­
  zuverlässig  erfaßt  werden  kann,  daß  wir  dagegen  nicht  immer  imstande
sind,  die  Daten  über  Wohnung,  Nahrung,  Kleidung  usw.  zu  einer  einheitlichen
Reichtums-  oder  Lustgröße  zusammenzufassen  und  mit  jenen  aus  einer  anderen
Periode  zu  vergleichen.  Diese  Tatsache  hat  mit  dazu  beigetragen,  daß  man
immer  wieder  den  Versuch  machte,  innerhalb  der  Geldrechnung  durch  Erfassung ­
  des  Geldeinkommens  und  der  Kaufkraft,  zu  brauchbaren  Ziffernsummen
zu  gelangen,  die  einen  unmittelbaren  Vergleich  gestatten.  Alle  Geldziffern
oder  auf  Grund  von  Geldziffern  irgendwie  berechneten  Indexziffern  können
aber  nur  durch  naturale  Deutung  einen  Sinn  für  die  Reichtumsbetrachtung ­
  erhalten.  Und  ebenso  wie  wir  auf  dem  Umwege  über  die  Geldrechnung
zu  einheitlichen  Reichtumsziffern  gelangen,  können  wir  dies  ja  auch  unmittelbar, ­
  wenn  wir  uns  dazu  entschließen,  etwa  eine  bestimmte  Menge  Wohn  raum
einer  bestimmten  Menge  Brot,  dieses  wieder  einer  bestimmten  Menge  Fleisch
und  so  weiter  in  Bezug  auf  die  Reichtumsbedeutung  gleichzusetzen.  Vor  dieser
unmittelbaren  Bezifferung  der  Wichtigkeit  schreckt  man  aber  weit  mehr  zurück ­
  als  vor  der  ebenso  begründeten  oder  unbegründeten  Bezifferung,  die  auf
dem  Umwege  über  die  Geldrechnung  auf  ähnliche  Weise  gewonnen  wird.

15)  Henryk  Grossmann,  Die  Anfänge  und  geschichtliche  Entwicklung ­
  der  amtlichen  Statistik  in  Österreich  (Stat.  Monatsschr.  1916,  S.  409).
            
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