Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Die  Kriegswirtschaftslehre  verhält  sich  zur  theoretischen  Volkswirtschaftslehre
eigentlich  ähnlich  wie  die  Landwirtschaftschemie  zur  Chemie.  „Landwirtschaft“ ­
  ist  ebensowenig  ein  chemischer  Begriff,  wie  „Krieg“  ein  wirtschaftlicher. ­

Es  fragt  sich  nun,  woher  es  kommt,  daß  diese  theoretische  Entwicklung
der  Kriegswirtschaftslehre  so  sehr  auf  sich  warten  läßt.  Es  sind  dabei  mehrere
Gründe  im  Spiel.  Man  pflegt  der  Theorie  den  Vorwurf  der  Weltfremdheit
zu  machen.  Im  allgemeinen  trifft  die  volkswirtsöhaftliche  Theorie  eher  der
umgekehrte  Vorwurf,  sie  klammert  sich  allzu  eng  an  eine  bestimmte  Wirklichkeit ­
  an  und  verliert  dadurch  oft  die  Fähigkeit,  größeren  Wandlungen  rasch
gerecht  zu  werden.  Wenn  die  volkswirtschaftliche  Theorie  sich  von  der  Wirklichkeit ­
  mehr  freigemacht  hätte,  so  wäre,  wie  ich  schon  hervorhob,  ein  System
möglicher  Wirtschaftsformen  entworfen  worden,  unter  denen  sich  die  wirklichen ­
  als  Spezialfälle  befunden  hätten.  Die  theoretische  Basis  hätte  so  allgemein ­
  sein  können,  daß  jede  neue  Wirklichkeit  entweder  schon  in  ihr  enthalten ­
  gewesen  wäre,  oder  aber  unter  die  allgemeinen  Betrachtungen  hätte
untergeordnet  werden  können.  Die  bisherige  volkswirtschaftliche  Theorie  steht
meist  in  einem  überengen  Zusammenhang  mit  der  Geldwirtschaft ­
  und  hat  bisher  die  Naturalwirtschaft  fast
ganz  vernachlässigt.  Unsere  gegenwärtige  Kriegswirtschaft  ist  nun
bereits  zu  einem  erheblichen  Teil  eigentlich  Naturalwirtschaft  oder  zumindest
eine  Geldwirtschaft,  die  in  mehr  als  einer  Hinsicht  auf  dem  Naturalkalkul
basiert  ist  und  deren  Geldordnung  wesentlicher  Macht  entkleidet  wurde.  Nun
soll  diese  Materie  durch  eine  Theorie  erfaßt  werden,  welche  ihr  nicht  entspricht.
Man  mag  sich  politisch  zu  der  neuen  Ordnung  der  Dinge  stellen  wie  man
will,  jedenfalls  erfordert  sie  eine  abstrakte  schematische  Analyse,  wie  man  sie
der  Geldordnung  in  so  mannigfacher  Form  zuteil  werden  ließ.  Wir  müssen
nun  auf  jene  gemeinsamen  Ideen  zurückgreifen,  die  in  der  volkswirtschaftlichen ­
  Begriffswelt  geeignet  erscheinen,  Geldwirtschaft  und  Naturalwirtschaft ­
  und  die  verschiedenen  Mischgebilde  erfolgreich  zu  umfassen.
Die  ältesten  Wurzeln  der  Nationalökonomie  finden  wir  in  der  Lehre  von  der
Hauswirtschaft  einerseits,  in  der  Lehre  von  der  Staatswirtschaft  andererseits,
die  Verkehrswirtschaft  ist  erst  ein  verhältnismäßig  späteres  Objekt  der  Llntersuchung.
  Der  Gegenstand  der  Theorie  und  der  Praxis  war  der  Reichtum^),
wobei  unter  Reichtum  das  Realeinkommen  im  weitesten  Sinne  verstanden  wurde.
Die  Frage,  wie  wird  ein  Volk,  wie  wird  die  Mensch&ieit  glücklich  und  reich,
steht  lange  im  Vordergrund  der  volkswirtschaftlichen  Literatur.  Bei  Adam
Smith  spielt  das  Realeinkommen  noch  immer  eine  entscheidende  Rolle.^)  Er
sucht  gelegentlich  den  Zusammenhang  zwischen  bestimmten  Organisationsformen ­
  der  Wirtschaft  und  dem  Reichtum  festzustellen.  Seine  Nachfolger  haben
die  von  ihm  so  eingehend  geschilderte  Geld-  und  Kreditordnung  immer  mehr
zum  Gegenstand  ihrer  Untersuchung  gewählt  und  die  Frage,  wie  denn  die  verschiedenen ­
  möglichen  Ordnungen  auf  den  Reichtum  einwirken,  stark  in  den
Hintergrund  treten  lassen.  Wenn  auch  die  Kaufkraft  des  Geldes,  und  damit
indirekt  das  Realeinkommen  immer  wieder  erörtert  wird,  eine  konsequente
Analyse  der  Reichtumsänderung  erfolgt  im  allgemeinen  nicht.  Dabei  muß  man
sich  vor  Augen  halten,  daß  der  subjektive  Charakter  der  Fragestellung:  wie
kann  man  ein  Volk  am  reichsten  machen?  ganz  verschwindet,  wenn  man  fragt:
wie  wirkt  die  jeweilige  Wirtschaftsordnung  auf  das  Realeinkommen  der
Menschen?  Wie  weit  sich  die  Anschauung  späterer  Autoren  von  der  ursprünglichen ­
  Fragestellung  entfernt,  mag  eine  Stelle  aus  B  ü  s  c  h  5)  belegen  :  „Ich
werde  keinen  Mann  deswegen  reich  nennen,  weil  er  eine  schöne  Garderobe

3)  Aristoteles,  Nikomach.  Ethik  p.  1094:
Smith,  Wealth  of  nations.  London  1868,  Bd.  I,  S.  5:  „and  a  general
plenty  diffuses  itself  through  all  the  different  ranks  of  the  society“  und  S.  32:
„The  real  recompence  of  labour,  the  real  quantity  of  the  necessaires  and  conveniences ­
  of  life“.
5)  Büsch,  Sämtl.  Sehr.  IX.  Abhandl.  Von  dem  Geldumlauf  in  anhaltender
Rücksicht  auf  die  Staatswirtschaft  und  Handlung.  2.  verm.  u.  verb.  Aufl.  S.  431.
            
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