Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

199 
XIII. 
Lebensmittelnot und Regierungsmacht. 
(1918.) 
Am 1. September brachten alle Zeitungen den Aufruf des Ernährungs 
ministers, welcher, erfüllt von der Befürchtung, die Versorgung weiter Kreise 
der Bevölkerung könne durch Verschleppung der Ernte gefährdet werden, sich 
mit Worten eindringlichster Mahnung an alle wendet ; er beschwört, er warnt 
und droht schließlich mit einem für Österreich ungewöhnlichen Nachdruck ; 
die Arreststrafe solle im höchsten Ausmaß neben der Geldstrafe gegen Käufer 
und Verkäufer zur Anwendung kommen, welche die staatlichen Bestimmungen 
umgehen und sich mit dem Schleichhandel befassen. Vor allem wird der 
Tauschhandel hervorgehoben, der heute in der Form auftritt, daß die Städter 
scharenweise das flache Land überfluten, um gegen Hingabe von Tabak, 
Zucker, Bettwäsche, Porzellan, Schuhen, Schmuck, Möbeln und sonstiger Habe 
sich Kartoffeln, Fett, Mehl und anderes zu verschaffen. 
Die traurigsten Zeiten des untergehenden römischen Reiches sind durch 
ähnliche Bestimmungen charakterisiert. Auch damals sollten barbarische Strafen 
die Durchsetzung der Höchstpreise, der Steuerbestimmungen und anderes er 
zwingen. Der grundsätzliche Mißerfolg dieser Maßnahmen sollte alle jene 
bedenklich stimmen, welche die Autorität des Staates mit so schweren Auf 
gaben belasten. Wird die Drohung nicht verwirklicht — und wir sahen schon 
während des Krieges, wie etwa die Preistreibereiverordnung im wesentlichen 
unwirksam blieb —, so ist die Wirkung jeder künftigen Strafdrohung weiter 
abgeschwächt. Abgesehen davon, daß so die Staatsautorität leidet, wird neben 
der Erhöhung der Schleichhandelspreise eine Ausdehnung des Bestechungs 
und des übelsten Denunziantenwesens gefördert, 
Strafen sind nur dort wirklich am Platz, wo einzelne getroffen werden, 
welche, von dem Verhalten der überwiegenden Mehrzahl der Menschen ab 
weichend, durch die übliche Organisation nicht beeinflußt werden. Es ist 
aber unmöglich, durch Strafen allein eine Organisation zu schaffen, welche 
der Mehrzahl widerstrebt. Keine Armee kann sich schlagen, in welcher so 
gut wie alle Soldaten nur aus Angst vor dem Henker Krieg führen. Wo 
gibt es aber in Österreich, außer einigen ganz edeldenkenden Menschen und 
Schwachköpfen, Männer oder Frauen, welche nicht sofort jede Gelegenheit 
ausnützen würden, um sich Lebensmittel auf irgend welchen Nebenwegen zu 
besorgen? Der 1. September war ausgefüllt von Gesprächen, welche darin 
gipfelten : „Wie machen wir es nun, daß wir das Mehl, welches wir . . . nun 
doch bekommen Das kann auch nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, 
daß nicht wenige Behörden, halböffentliche Anstalten und Großunternehmungen 
auf Schleichhandelswegen für ihre Beamten und Arbeiter sich Lebensmittel ver 
schaffen, wenn man bedenkt, daß Angestellte und Arbeiter „Mehlgeld“ und 
andere Zulagen mit der ausdrücklichen Widmung erhalten, sich Lebensmittel 
wie sie es könnten zu besorgen. Ist es vielleicht kein Bankerott der staatlichen 
Organisation, wenn sie den von Arbeitern und Angestellten geäußerten Wunsch 
ablehnt, ihre vollständige Versorgung restlos in die Hand zu nehmen? Nach 
allen Erfahrungen der Geschichte würde selbst die Todesstrafe unwirksam 
bleiben ; in den wenigen Fällen, in welchen sie zur Anwendung käme, würde 
man jene bemitleiden, die sich hängen ließen. 
Welches ist nun die Organisation, die der Staat schaffen 
könnte, um von vornherein den Schleichhandel auszuschalten? Denn, daß 
der freie Handel imstande sein sollte, die breiten Massen mit Lebensmitteln
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.