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entsprechende Gegenleistung zu fordern. Die Prämie ist übrigens für die
moderne Betriebsorganisation innerhalb der Fabrik charakteristisch. Es wäre
eine bedeutsame Aufgabe, die dort gesammelten Erfahrungen dazu zu ver
wenden, ein geeignetes Naturalprämiensystem mit wirksamen Staf
felungen auszuarbeiten.
Die Durchführung der oben angedeuteten Pläne bedarf einer weitgehenden
Berücksichtigung lokaler Verhältnisse und ist auch nur innerhalb gewisser
Grenzen durchführbar. Wenn man in großem Stil den staatlichen Tauschhandel
einführt, der in Verbindung mit der Naturalverpflegung der Arbeiter
und Beamten viele Kreise befriedigen dürfte, dann kann man gegen den rest
lichen Schleichhandel als einer Sonderbetätigung Einzelner, die sich nicht
allgemeiner Förderung erfreut, erfolgreich mit exemplarischen Strafen Vor
gehen. Der vielleicht für den Einzelnen weniger ergiebige Tauschverkehr
mit der Regierung hätte den Vorteil, daß das Risiko des Schleichhandels weg
fiele, sowie seine großen Aufwendungen an Mühe und Geld. Nach den bisherigen
Erfahrungen wäre es wohl zweckmäßig, falls dies möglich ist, die e i n -
gelebten Händler innerhalb der staatlichen Organisation zu verwenden ;
zum Teil deshalb, um sie nicht zum Schleichhandel zu zwingen. Ob man
freilich überhaupt dem Staat solche Macht anvertrauen und die Lebensordnung
in der angedeuteten Richtung umgestalten will, ist eine andere Frage.
Die Einführung von Naturaltauschorganisationen in gewissem Umfang
bedeutet, daß die Menschen in vielen Fällen wieder alle Kräfte anspannen
werden, die Bauern ebenso wie die Kohlenarbeiter, weil erwünschter Lohn
winkt. Es wird vielleicht jene zermürbende Hoffnungslosigkeit vielfach ihr
Ende finden, welche heute die meisten erfüllt, wenn sie sehen, daß vernünftig
angewendete Arbeit ihnen nicht die erwünschten Gegenstände ins Haus bringt,
wohl aber die sinnlose Kraftverschwendung, welche dem Rucksackverkehr,
dem Kaffeehaushandel, dem Herumspüren und Herumschnüffeln bei Bekannten,
dem Anstellen innewohnt. Es würde wieder ein größerer organisatorischer
Zug in unser Leben kommen und jener Kleinkram aus dem Dasein verschwinden,
der heute so vielen zum Ekel wird. Das, was Österreich zu bieten vermag,
solle es klar und einfach ins Haus liefern, und in wahrhaft durchdachter
Arbeitsteilung mit der Herbeischaffung Beamte und Angestellte betrauen,
nicht müde Mütter und unmündige Kinder, die ihre Zeit verschwenden. Werden
diese Lähmungen beseitigt, die einander immer mehr steigern, dann würden
wir in der nächsten Zukunft nur jene Entbehrungen zu ertragen
haben, welche unvermeidlich sind. Lernen wir die Technik der Lebens
mittelversorgung ebenso ausbilden, wie wir die Technik der Betriebsorganisa
tion beherrschen lernen !
Die Auszahlung der Prämie erfolgt wohl zunächst am besten in der
Weise, daß für eine bestimmte Menge abgelieferter Waren oder geleisteter
Arbeit einerseits Geld ausbezahlt, anderseits das Recht erteilt wird, für einen
erheblichen Teil dieses Geldes eine bestimmte Ware oder bestimmte Waren
zu kaufen, sei es, daß dies gleich oder in einem späteren Zeitpunkt geschieht.
Es kann auch die Form gewählt werden, daß die Naturalprämie unmittelbar
ausgefolgt wird, ohne daß überhaupt eine Geldzahlung oder auch nur eine
Geldverrechnung dazwischen tritt. In vielen Fällen wird es sich empfehlen,
die Prämie zu staffeln. Für die erste Getreidemenge, welche über eine be
stimmte Menge abgeliefert wird, erhalte der Bauer eine kleinere Natural
prämie neben der Geldprämie, als etwa für die nächste und übernächste. Wie
weit man für Großgrundbesitzer und Kleingrundbesitzer verschiedene Prämien
sätze anwenden, wie weit man überhaupt über eine sehr grobe Organisation
hinaus feinere Unterschiede machen will, hängt von der Personenzahl ab,
welche man für eine solche Organisation zur Verfügung stellt. Es genügt
aber meist, wenn die gröbsten Ungerechtigkeiten vermieden werden. Schließ
lich sind wir ja Ungerechtigkeiten zur Genüge gewöhnt. Die Frage, wie
weit ganze Gemeinden, wie weit Einzelpersonen Prämien erhalten sollen, wird
verschieden beantwortet werden können. Bei der Verteilung der Prämien
muß wohl dem Empfänger eine gewisse Wahl gelassen werden, soll nicht
ein unerwünschter nachträglicher Tauschhandel die Folge sein, welcher viele