Full text: Die Arbeiterfrage

Der niedrige, wenn auch freie Arbeiter, nähert sich dem Sklaven 
tum. Er empfängt Lohn (merces), sonst aber ist er für den 
Arbeitgeber Miets- oder Pachtvertrag, bei dem er die nutzbare 
Sache ist und seine Arbeitsleistungen die Nutzungen. Er ar 
beitet für den Unternehmer, erwirbt diesem die Sicherheit der 
Existenz, oft im Reichtume oder Überfluß, aber derselbe Un 
ternehmer betrachtet denjenigen, den er eigentlich als gleich 
berechtigtes Bindeglied achten sollte, nur als absolut unterge 
ordneten Diener, der außerhalb des solidarischen Zusammen 
hanges der Gesellschaft steht. Versagt ihm die Achtung*. 
Wir haben vollkommen und überall vergessen, daß Bar 
zahlung nicht die einzige Beziehung unter menschlichen Wesen 
bildet, ohne daran zu zweifeln, denken wir, daß sie alle mensch 
lichen Verbindlichkeiten löst und schlichtet. „Meine hungernden 
Arbeiter?“ antwortet der reiche Mühlenbesitzer. „Warb ich sie 
nicht regelrecht auf dem Markte an? Bezahlte ich ihnen nicht 
bis auf den letzten Groschen die stipulierte Summe? Was habe 
ich noch mit ihnen zu tun * ?“ 
„Wenn ich mehr Achtung kriegen täte. Aber der Fabrikant 
grüßt mich nicht“, in diesen Worten, die sich in allen mög 
lichen Variationen bei allen drei Arbeiterkategorien wiederholen, 
liegt eine Unsumme von Erniedrigung des Menschentums. „Ich 
bin im Zweifel, welche Frage ich als die mir drückendste be 
zeichnen soll. Bedenke ich den geringen Lohn, welcher zur 
Hälfte nicht ausreicht, um halbwegs menschlich mit Familie 
leben zu können, trotz Aufreibung meiner ganzen physischen 
Kräfte, dann übermannt mich eine maßlose Wut. Als Vater 
meiner Kinder dann obendrein mitansehen zu müssen, daß ihnen 
das Senkblei des poversten Elends den Weg über diese inhu 
mane Kurve verwehrt, ist mir besonders schmerzlich. Aller 
dings bedingt ja die letzte Konsequenz jedem Menschen die 
Arbeit seiner Art. Aber heute in dieser Form, wie ist dieses 
schmerzlich!“ Den Gegensatz in dem Habitus seines Lebens 
bildet ein anderer Berghauer aus dem Waldenburger Gebiet: 
„Eigentlich drückt mich gar nichts. Mehr Lohn möchte ich um 
meiner Kinder willen haben, das Nichthaben drückt mich aber 
ebensowenig wie die Abhängigkeit. Ich bin kein Sklave, Mensch, 
wirklicher Mensch. Lieber fresse ich trockene Brotkrusten, als 
3* 
Thomas Carlyle, „Einst und Jetzt“, Göttingen 1899. 
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