Full text : Die Arbeiterfrage

mich  entwürdigen  zu  lassen.  Achtmal  bin  ich  gemaßregelt,  weil
ich  frei  sein  wollte.  Aber  freie  Menschen  brauchen  wir.  Gedrückte ­
  Naturen  sind  für  den  herrlichen  Freiheitskampf  verloren.“ ­
  Ein  Metallarbeiter  vergleicht  sich  mit  einem  Vogel,  dem
ein  Band  um  das  Bein  gebunden  ist.  „Frei  sind  wir  Arbeiter  ja“,
so  äußert  er  sich.  „Fragt  mich  bloß  nicht,  wie.  Die  Arbeitsverträge ­
  gehen  wir  vollständig  frei  ein.  Niemand  sagt  uns  ,wir
sollen  arbeiten.  Nein,  wir  drängen  uns  danach.  Als  wenn  wir
anders  könnten.“  Die  Begrenztheit  der  sozialen  Laufbahn,  die
Kinder  wie  der  Vater,  die  Enkel  wie  die  Kinder,  der  Schmerz,
aus  diesem  Zirkel  nicht  herauskommen  zu  können,  zieht  sich
typisch  durch  alle  drei  Arbeiterkategorien.
„Der  Gedanke,  daß  meine  Kinder  als  Arbeitssklaven  zur
.Welt  gekommen,  schmerzt  mich  am  meisten.  Warum  wurden
sie  geboren?“  So  schreibt  pessimistisch  ein  Textilarbeiter.  Ein
anderer  Weber  bedauert  und  bewundert  gleichzeitig  seinen  Arbeitgeber ­
  in  seiner  schönen  Villa,  der  so  viel  Mut  hat,  inmitten
des  Elends  glücklich  zu  sein.
Das  Unzuträglichste  ist  die  Abhängigkeit.  Man  braucht  kein
Graphologe  zu  sein,  aber  man  steht  vor  der  greifbaren  Erscheinung, ­
  die  man  aus  den  Schriftzügen  der  Erhebungsformulare
vielfach  konstatieren  kann:  die  Beantwortung  der  Frage  20,
das  Abhängigkeitsverhältnis  betreffend,  hat  die  Seelen  besonders ­
  stark  in  Wallung  gebracht.  „Ach,  Arbeitgeber!“  förmlich
schreit  es  ein  Metallarbeiter.  So  hastig  ist  die  Schreibart  im
Gegensatz  zu  den  ruhigen  Schriftzügen,  womit  er  die  anderen
Fragen  beantwortet:  „Wüßtest  Du,  wie  weh’  es  tut,  abhängig
zu  sein,  schweigen  zu  müssen,  wo  man  mit  dem  Knüppel  dreinschlagen ­
  möchte.  —“
Wie  lodert  es  aus  den  Worten  eines  Bergarbeiters:  „Wie
ein  Hund  gefüttert  zu  werden,  muß  ich  unter  dem  gemeinen
Druck  ökonomischer  Kalamität  vermodern,  weil  ich  abhängig
bin.  Ich  fordere  Remedur  von  Euch.  Der  Fluch,  der  Meissei,
die  Kelle  in  die  nervige  Faust.  Aber  diese  Faust  gehört  einem
Menschen.  Achtet  darauf!  Bitter  rächt  sich  unterdrückte  Kraft.“
Ein  Weber:  „Das  Bewußtsein  der  Abhängigkeit  vom  Arbeitgeber ­
  verbittert  mich,  hat  aus  mir  einen  reizbaren  Menschen
gebracht.  Eine  Handbewegung  des  Chefs,  so  einschneidend,
mißachtender  Art,  genügt,  um  mein  Blut  in  Wallung  zu  bringen.“
132
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.