Dementieren macht man sich lustig, was man bei
Morgan senior nicht gewagt hätte. Als er z. B. zur Zeit
der Sachverständigenberatungen für die Durchführung
des Dawes-Plans in London nach England abreiste,
meldeten die Zeitungen: „Natürlich behauptet Morgan,
daß seine Reise nicht mit den Sachverständigen-
beratungen zusammenhängt.‘ Dabei wußte alle Welt,
daß bereits ein Vertreter Morgans in London war und
seine Interessen dort wahrnahm und daß das Gut-
achten der amerikanischen Bankiers eine große Rolle
bei all den auf der Londoner Konferenz behandelten
Fragen gespielt hatte.
Gemeinsam ist Vater und Sohn auch die Verach-
tung gegen die gerade herrschende Mode. Als die
Equipage schon längst ein überwundener Standpunkt
war und jeder, der etwas auf sich hielt, ein Auto be-
saß, fuhr der ältere Morgan immer noch mit Pferd und
Wagen ins Büro, ja sogar in Mietdroschken. Bei dem
jüngeren Morgan zeigt sich diese Eigenwilligkeit darin,
daß er die allgemeine Mode des Glattrasiertseins nicht
mitmacht, sondern einen kleinen Spitzbart trägt. Das
sind an und für sich Kleinigkeiten, doch nicht un-
wichtig für die Beurteilung der Persönlichkeit.
Daß er andererseits eine so mächtige Persönlich-
keit wie sein Vater nicht ist, wurde bereits weiter
oben erwähnt, Weder die großen noch die kleinen
Kapitalisten leisten ihm so unbedingte Gefolgschaft
wie jenem. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Auf-
legung der ersten Anleihe Englands und Frankreichs
im Weltkrieg. Morgan hatte Pläne für eine Anleihe
von einer Milliarde Dollar, die durch ein unter seiner
Führung stehendes Konsortium begeben werden sollte,
ausgearbeitet, Aber die großen Banken taten einfach
nicht mit. Den Schaden hatten allerdings schließlich
— abgesehen von England und Frankreich — sie selbst
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