von Kopf und Herz zu erfassen, speziell unser Gefühl und Trieb
leben aufzuklären.“ *
Ein anderer Weber: „Ich bin Arbeiter in einer Bandflech
terei. Das ist eine Arbeit, bei der man die Gedanken ruhig zu
Hause lassen kann, wenn man nur flinke Hände mitgebracht
hat. Aber die Gedanken zu Hause lassen, das ist so eine Sache.
Ich kann das nicht. Da ich sie aber bei meiner Arbeit nicht
nötig habe, so flattern sie in meinem Kopfe hin und her, wie
lustige Vöglein. Die tollsten Sprünge machen sie, und dann
quäle ich mich oft vergebens, sie wieder einzufangen. Ganz
gewiß ist es: die schönsten Gedanken fallen mir bei der Arbeit
ein.“
Ein Berliner Plüschweber ist der Ansicht, daß die Arbeiter
sich ihres geistigen Elends gar nicht so recht bewußt sind.
„Meine Kollegen denken nicht bei der Arbeit, ach jawohl, aber
nur an die Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse. Die fühlen
sich nicht als Menschen, sondern nur als Arbeiter und sind als
solche zufrieden, wenn sie einen guten Verdienst haben. Ge
wiß, auch ihnen bereitet die Arbeit keine Freude, aber sie sehen
keinen Ausweg aus dem Dilemma, sie vermögen Ursache und
Wirkung nicht voneinander zu unterscheiden. Sie trösten sich
damit: Das war immer schon so und wird auch immer so blei
ben. Die Arbeit hat sie stumpfsinnig gemacht. Sie können nicht
mehr nachdenken.“ Ein dritter Weber schreibt: „Meine Hände
arbeiten, die Augen sehen zu. Aber die Phantasie arbeitet. Sie
schafft Gestalten und läßt diese Gespräche führen, Fragen stellen,
Antworten geben und in alle möglichen und unmöglichen Si
tuationen geraten . .“ Ein ganz alter Förster Spinner quält sich
seit Jahren am Webstuhl mit einer unendlich laienhaften Ka-
tastrophen-Theorie herum. Denkt über die Erdbeben nach und
glaubt, das Festland der nördlichen Erdkugel sinkt ins Meer,
um auf der südlichen neu zu erstehen, da dort noch jungfräu
licher Urboden sei. Hält die nördliche Halbkugel nicht mehr
für fähig, eine Höherentwicklung der Gesamtmenschheit zu tra
gen. Kommt dann zu einer Weltalltheorie. Das All, der Raum.
Raum heißt das All nur, soweit Stoff vorhanden ist. Im Raum
befinden sich Universen. Dieses Universum bleibt immer auf
* Adolf Levenstein, „Aus der Tiefe“. Beiträge zur Seelen-Analyse mo
derner Arbeiter. Berlin W 9, 1909, Morgen-Verlag.
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