Full text : Die Arbeiterfrage

bleibt,  bei  ihrer  berufsmäßigen  Arbeit  zu  denken,  das  ganz  charakteristische ­
  Bild  der  Beschäftigung  mit  den  Konflikten  des
wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens.
So  schreibt  ein  Dreher:  „Wie  kommt  der  Arbeitgeber  dazu,
den  größten  Teil  meiner  Arbeitskraft  einzuheimsen?  Ein  Gedanke, ­
  der  mich  quält.  Dann  denke  ich  an  die  Kapitalisten  in
den  Luxusbädern  und  an  die  Arbeiter,  die  im  Schweiß  ihr
karges  Brot  verdienen,  und  nicht  einmal  zum  Bewußtsein  ihres
Sklavenlebens  kommen.“
Ein  Schlosser,  der  ganz  besonders  intensiv  seinen  Intellekt ­
  während  der  Arbeit  geschärft  hat,  kommt  zu  dem  Resultate,
daß  das  Denken  in  seinem  Milieu  Leiden  bedeutet.  Er  schreibt:
„Verflucht  ist  das  Denken,  jetzt  bin  ich  unglücklich  und  könnte
erst  dann  wieder  glücklich  werden,  wenn  ich  alle  meine  Kräfte
darauf  verwenden  könnte,  die  anderen  heraufzuziehen.  Dieser
jetzige  Zustand  des  Erkennens  ist  scheußlich.  Es  muß  etwas
geschehen,  oder  die  Misere  des  Denkens  richtet  mich  zugrunde.“
Ein  Eisendreher,  der  nur  Massenartikel  herstellt:  „Meine  Arbeit
verrichte  ich  mechanisch.  Die  Hände  arbeiten.  Oft  schließe  ich
sogar  meine  Augen  und  blinzle  nur  so.  Dann  schafft  die  Phantasie. ­
  Es  drängt  Und  jubelt  in  meiner  Brust.  Ich  muß  an  mich
halten,  um  nicht  laut  aufzuschreien  vor  Lebensfreude.  Dann
wieder  ein  anderes  Mal  denke  ich  an  die  Menschen.  Ich  sehe
ihre  Gesichter  von  Leidenschaften  verzehrt,  und  dann  werde
ich  traurig.“
Ein  Berliner  Metallarbeiter,  der  viel  in  der  Welt  herumgekommen, ­
  konzentriert  seine  Gedanken  auf  die  Beobachtung
seiner  Kollegen,  an  die  er  nicht  glaubt.  „Alle  sind  Masse“,
schreibt  er.  „Und  ich  hasse  diese  gewohnheitsmäßigen,  gedankenlosen, ­
  zwischen  Arbeit  und  Vergnügen  hin-  und  hertändelnden ­
  Menschen.  Ich  habe  zum  größten  Teile  den  Glauben
an  deren  Wollen  und  Willen  verloren,  den  evolutionären,  noch
weniger  den  revolutionären  Kampf  zu  führen.“
So  viel  steht  fest:  Der  Intellekt  wurde  das  Werkzeug,  mit
dem  sich  die  Arbeiter,  ohne  es  zunächst  zu  wollen,  selbst  raffiniert ­
  feine  Folterinstrumente  schufen.  Verflucht  sei  das  Denken
inmitten  eines  brutalen  Arbeitsprozesses.  In  allen  möglichen
Variationen  kehrt  dieser  Gedankengang  wieder.
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