Full text: Die Theorie der Volkswirtschaft

121 
eigenes Wirtschaftsleben besonders zu stören. Und in der Tat 
bildete jede mittelalterliche Stadt zusammen mit den umliegen 
den Dörfern gewissermaßen einen selbständigen Staat, der von 
den anderen Stadt-Staaten mehr abgesondert war als die moder 
nen Groß Staaten voneinander. Zuweilen stellte so ein Gebiet 
auch eine politische Einheit dar. Die Bildung solcher selbst 
ständiger Staaten im Mittelalter wird aber durch den Charakter 
der Rayonwirtschaft bestimmt. 
In Westeuropa bildete sich infolge der Ansässigkeit der Be 
völkerung eine viel besser geregelte Organisation der Rayon 
wirtschaft mit einer Stadt an der Spitze, als in Rußland. 
„Wenn wir eine Karte des alten Deutschen Reiches zur Hand 
nehmen und auf ihr die Orte bezeichnen, welchen bis zu Ende 
des Mittelalters Stadtrecht verliehen worden ist (es mögen ihrer 
etwa 3000 sein), so erblicken wir das ganze Land in Abständen 
von durchschnittlich 4—5 Wegstunden im Süden und Westen, 
von 6—8 Stunden im Norden und Osten mit Städten übersät. 
Nicht alle haben gleiche Bedeutung gehabt; aber alle waren doch 
zu ihrer Zeit (oder bemühten sich wenigstens, es zu sein) die 
Mittelpunkte territorialer Wirtschaftsgebiete, welche ebenso ein 
für sich abgeschlossenes Leben führten, wie früher der Fronhof. 
... So überzeugen wir uns, daß fast überall in Deutschland der 
Bauer aus der entferntesten ländlichen Niederlassung den städti 
schen Markt in einem Tage erreichen und am Abend wieder da 
heim sein konnte.“*) 
In Altrußland fanden infolge geringer Entwicklung des Ge 
werbes „die Märkte in den Gebietsbezirken nur in bestimmten 
Jahreszeiten, in den Städten dagegen an bestimmten Wochen 
tagen (hauptsächlich am Freitag) statt“.**) 
Infolge der geringeren Bevölkerung dauerte die Gemeindewirt 
schaft in Rußland länger, und die Rayonwirtschaft hat sich ge 
ringer entwickelt als in Westeuropa. Der Rayon wurde dabei 
nicht bloß von den Handwerkern, die auf den Märkten ihre Pro- 
*) K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tübingen, 1908, 
S. 121. 
**) Aristow, Das Gewerbe in Altrußland, St. P. 1866, S. 171—172.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.