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Wirtschaft zu erklären. Er denkt aber gar nicht daran, warum
die eine Wirtschaft mehr Produkte einer Gattung und die andere
gerade andere Produkte herstellt.
„Ein großer Nachteil der primitiven Wirtschaft,“ sagt er, „in
welcher nur unbedeutender Austausch stattfindet, liegt darin, daß
jemand leicht von einer Sache, z. B. Wolle, so viel haben kann,
daß ihr Grenznutzen in jeder Verwendung niedrig ist, wenn er alle
möglichen Nutzanwendungen damit versorgt hat, während er
gleichzeitig von einer anderen Sache, z. B. Holz, so wenig hat,
daß der Grenznutzen hierbei sehr hoch ist. Zur gleichen Zeit
haben seine Nachbarn vielleicht Mangel an Wolle und Überfluß
an Holz. Jeder würde gewinnen, wenn er das hergäbe, was den
niedrigsten Grenznutzen für ihn hat, um das andere mit dem
höheren Grenznutzen in Empfang zu nehmen.“*) Betrachtet man
aber die Organisation der Wirtschaft näher, so wird sofort klar,
daß kein Austausch stattfinden könnte, wenn die Arbeitsproduk
tivität in den verschiedenen Wirtschaften die gleiche wäre. Denn jede
Wirtschaft müßte dann bei richtiger Einteilung der Produktivkräfte
alles selber herstellen. Was würde ihr dieser Austausch nützen?
Die Anhänger der Grenznutzentheorie übersehen die tiefer
liegenden Momente des Austausches und der wirtschaftlichen Ver
hältnisse, Momente, die auch den Grenznutzenwert der Produkte
bestimmen.
Wir sehen also, daß sowohl der Verkäufer als auch der Käu
fer die Produkte nach ihrem Arbeitswert schätzen, d. h. danach,
wieviel Arbeit sie ihnen kosten oder kosten könnten. Infolge der
Verschiedenheit in der Arbeitsproduktivität sparen sie beide an
Arbeit, und das ist auch ihr Gewinn. Der Austausch von Pro
dukten schafft aber noch keinen Reichtum. Denn die Produkten-
menge wird dadurch nicht vergrößert.
Die Grenznutzentheoretiker finden den Gewinn in der sub
jektiven Wertschätzung. Bei jedem wirtschaftlich rationellen
Tauschakte, sagt Böhm von Bawerk, wird jeder Kontrahent ge
winnen, und zwar den Unterschied zwischen dem subjektiven
') Handbuch der Volkswirtschaftslehre, Bd. I, 1905, S. 160.