Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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verzweiflungsvoll oder mindestens entsagend in diese Worte 
ausbricht, ist ein Mann härtesten eigenen Pflichtbewußtseins, 
und er will erziehlich wirken an seinem Sohne im Banne seines 
Pflichtbewußtseins, — aber doch, was ihn am tiefsten kenn⸗ 
zeichnet, das ist eine große Unklarheit des Denkens und der 
Empfindung in den höchsten Fragen des Daseins und dem— 
gemäß, da er ein ernster Mann ist, eine große Sehnsucht nach 
Ruhe im Glauben und nach einer festen Zuversicht, die er 
noch keineswegs sein eigen nennt. 
Hauptmann mag im Wesen Kramers die tiefsten Be— 
dürfnisse unserer Zeit widergespiegelt und verkörpert haben: 
den Weg zum vollen idealistischen Drama hat er bisher, trotz 
aller Ansätze zu einer Weltanschauung in seinen Dramen, 
noch nicht gefunden. 
Viel näher kam bisher Sudermann diesem Ziele. Ja 
darauf, daß er von vornherein sittlich klarer stand, beruht, wie 
bereits einmal angedeutet, eigentlich schon sein Charakter als 
UÜbergangsdramatiker: er hat sich an den Impressionismus nie— 
mals verloren, wohl aber sich ihm um so mehr langsam hin— 
gegeben, je mehr dieser sich reinigen und mit idealistischen 
Elementen verbinden ließ. Sudermanns Glaubensbekenntnis 
steht am deutlichsten am Schlusse des „Katzenstegs“ verzeichnet 
und hat sich seit dieser Aufzeichuung wohl nur in Neben— 
punkten verändert. Wir finden da Boleslaw bei der Leiche 
Reginens, so wie wir Michael Kramer soeben vor der Leiche 
seines Sohnes haben philosophieren hören. „Und wie er 
dachte und sann, ward ihm zu Mute, als ob die Nebel sich 
lichteten, welche den Boden des menschlichen Seins vom mensch— 
lichen Bewußtsein trennen, und er sähe eine Strecke tiefer, als 
der Mensch sonst pflegt, in den Abgrund des Unbewußten 
hinein. Das, was man das Gute und das Böse nennt, wogte 
haltlos in den Nebeln der Oberfläche umher; drunten ruhte in 
träumender Kraft das — Natürliche. Wen die Natur be— 
gnadet hat, sprach er zu sich, den läßt sie sicher in ihren 
dunklen Tiefen wurzeln und duldet, daß er dreist zum Licht 
emporstrebe, ohne daß die Nebel der Weisheit und des Wahnes
	        
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