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dort die Grundrente niedriger. Aber nur deshalb, weil man
keine zusätzlichen, weniger produktiven Aufwände macht. Die
Grundbesitzer erhalten den Unterschied in der Produktivität der
verschiedenen Aufwände, da der Getreidepreis durch die Produk
tionskosten der zuletzt gemachten Aufwände bestimmt wird. Auch
die Pächter erhalten ihren vollen Profit. Nur die aus der Land
wirtschaft ausgestoßenen Arbeiter, die keine Arbeitsgelegenheit in
der Industrie finden, werden gezwungen, für einen niedrigeren
Lohn zu arbeiten; daher ist der Arbeitslohn in den dichtbevölker
ten Gegenden niedrig. Sie wandern dann nach den Städten aus,
wo sie höhere Löhne erhalten.
Deshalb ist es eben die Hebung der Lage der städtischen Ar
beiter, die auch die Lage der ländlichen Arbeiter aufbessert. Der
gesteigerte Konsum der ländlichen Arbeiter erweitert den inneren
Markt, fördert die Industrie, die immer mehr ländliche Arbeiter
an sich zieht. Somit steigt auch die Nachfrage nach Erzeugnissen
der Landwirtschaft und auf dem Lande die — nach Arbeitskräften.
Ebenso wie Sombart haben auch die anderen Volkswirte die
Ursache der „Leutenot“ der Landwirtschaft nicht begriffen. Ent
weder wird nur untersucht, welche Politik empfehlenswert ist
(Dietzel), oder es wird eine Menge von Ursachen angeführt, die
alle nicht den Grund des Problems berühren (Issajeff.*)
11.
Das Sinken dej- Produktivität der sukzessiven Auf wände führte
zur Verteilung der Produktivkräfte zwischen den dicht und den
dünn bevölkerten Gegenden. Das Prinzip der Kraftersparnis ver-
anlaßte dazu, die Arbeitskraft dort anzuwenden, wo sie am vorteil
haftesten sein konnte. Das heißt in den dünn bevölkerten Ge
genden sich mit Landwirtschaft, in den dicht bevölkerten mit In
dustrie beschäftigen und in an Metallen reichen Ländern den
Bergbau treiben. So trat eine durch Naturursachen hervor
gerufene Einteilung der Produktivkräfte zwischen einzelnen Län-
*) Man vergleiche beispielsweise die Schriften: Dr. H. Dietzel, „Welt
wirtschaft und Volkswirtschaft“, Dresden 1900, und Issajeff, „Die Welt
wirtschaft“ 1910, (russ.).