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Die ältesten Schilderungen von Irland zeigen uns dieses als
ein wildes und waldiges Land, dessen Bevölkerung noch ein
Hirtenleben führt.*) Die Griechen waren, wie aus ihrer Mytho
logie bekannt ist, in der prähistorischen Zeit Jäger und Hirten.
Die Dichte der Hirtenbevölkerung hängt ganz von der Anzahl
des Viehes ab, das sich auf dem gegebenen Platze weiden läßt.**)
Wie es in der Bibel heißt, schied Abraham von seinen Brüdern,
weil ein Mangel an Weideplätzen bestand. Das gleiche teilt
Burckhardt von den Beduinen und King von den Toda mit.***)
So mußte ein Hirtenvolk, um eine vermehrte Bevölkerung er
nähren zu können, entweder das Territorium ausdehnen, indem
es die benachbarten Stämme verdrängte, oder, wenn das unmög
lich war, zu einer intensiveren Wirtschaftskultur übergehen.
Also wurde dieser Fortschritt gemacht — nicht, weil die Be
völkerung zivilisierter, oder weil dadurch ihre Arbeit produktiver
wurde, sondern umgekehrt: die Notwendigkeit, zur Befriedigung
der Bedürfnisse mehr Arbeit aufzuwenden, gab den Anlaß, die
Arbeit zu komplizieren und förderte dadurch die kulturelle Ent
wicklung. Beim Ackerbau wird die Arbeit komplizierter, inten
siver und mannigfaltiger, wodurch der technische Fortschritt und
die Entwicklung der Bedürfnisse begünstigt wird.
„Den Übergang vom Nomadismus zur Ansässigkeit hat man
immer nur auf drei Wegen sich vollziehen sehen,“ sagt Batzelf)
„Entweder ist ein Wandervolk durch Zwang auf so enge Gebiete
beschränkt worden, daß von umherziehendem Hirtenleben keine
Rede mehr sein konnte, oder es verlor in Kämpfen seine Herden,
oder endlich lebte es so nahe einem Gebiete stabiler und damit
höherer Kultur, daß es freiwillig das freie, aber entbehrungs
reiche Leben aufgab, um die Ruhe und Genüsse eines stetigen
Daseins dafür einzutauschen.“ Diese drei Ursachen lassen sich
indes auf eine zurückführen: auf die Zunahme der Bevölkerung.
*) Ebd. Bd. III, S. 734.
**) R. Hildebrand, Recht und Sitte auf den primitiven wirtschaft
lichen Kulturstufen, 1897, S. 29.
*••) Ebd. S. 30.
f) Völkerkunde Leipzig 1888, Bd. III., S. 57.