Full text: Die Theorie der Volkswirtschaft

„Die landwirtschaftliche Bevölkerung, speziell im nordöst 
lichen Rußland, wanderte immerfort von einem Orte nach dem 
andern, drang in die Wälder hinein und besetzte undurchdring 
liche Stellen. Jungfräuliche Wälder gab es zu der Zeit genügend, 
der Boden versprach keine dauernden Ernten, und so trieb die 
Bevölkerung eine Brand Wirtschaft: der Bauer läßt den Wald ab 
brennen, bebaut das Feld zwei bis drei Jahre, verläßt es dann 
und zieht weiter. Um die Arbeit leichter und pro 
duktiver zu gestalten, ist es vorteilhafter, 
fortwährend neue Stellen zu bebauen, statt die 
alten zu düngen: sobald die Arbeit schwieriger wird, sucht sich 
nun der Bauer einen neuen freien Platz aus. Daher finden wir 
in den Annalen des 15. Jahrhunderts keinen einzigen Hinweis 
darauf, daß die Felder gedüngt werden.“*) Ebenso sagt Bjeljaew: 
„Für die damalige Zeit war, infolge der geringen Bevölkerungs 
dichte, die Brandwirtschaft und die Bestellung von Neubrüchen 
vorteilhafter als die Düngung der schon erschöpften Böden. Der 
damalige Landwirt kehrte auf die verlassene Stelle wohl nicht 
eher zurück, als bis das Feld längere Zeit brach gelegen und neue 
Kräfte gesammelt hatte. Aber auch dies geschah nicht plötzlich, 
obgleich der jungfräuliche Boden schon bedeutend abgenommen 
hatte. Daher war unsere landwirtschaftliche Bevölkerung auch 
sehr beweglich.“**) Dieselbe Erscheinung treffen wir in Nord 
amerika noch im 18. und 19. Jahrhundert an, wo die Kolonisten 
allmählich nach dem Westen zogen und die früher bestellten 
Äcker verließen. 
Auch die Germanen hatten, wie Caesar erzählt, keine be 
stimmten Ackerfelder inne, sondern mußten jährlich, auf An 
weisung der Oberschaft, von einem Orte nach dem 
andern umziehen. (Agri attribuunt atque anno post alio 
transire cogunt.***) 
Strabón bestätigt ebenfalls, daß die Germanen Nomaden 
*) Aristow, Das Gewerbe im Altrußland (russ.), S. 158. 
•♦) Bjeljaew, Einige Worte über die Landwirtschaft in Altrußland, 
Wremennik, Buch XXII. 
**•) Caesar, De bello gallico. Lib. VI.
	        
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