fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 199 
gleich scharfe Beobachter, wie Goethe, sind sich des Wechsels 
wohl bewußt gewesen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens 
im besonderen aber mußte schon die Tatsache des Unternehmens 
an sich, weil den Beruf des Händlers und des Produzenten ver⸗ 
einigend, zu einem rascheren Zeitmaße der Beschäftigung führen: 
wie sie zugleich eine ebenso reich gegliederte wie eben dadurch 
höchst freie Tätigkeit mit sich brachte. 
Wurde durch all diese Vorgänge schon die Einzelpersön⸗ 
lichkeit ganz anders als je vorher angeregt, auf eigene Füße 
gestellt und neuen Idealen des Lebens entgegengeführt, so trug 
die steigende Wohlhabenheit zugleich dazu bei, daß sie diese 
neue Lage nun auch nutzen konnte. Inwiefern dies zunächst 
konsumtiv geschah, läßt sich aus dem raschen Steigen der Zahl 
der allgemeinen Genußmittel erkennen: es ist die Zeit des zu⸗ 
nehmenden Alkoholgenusses, namentlich der Liköre, trotz aller 
Zimperlichkeit des Rokokos; es sind die Jahre der Einführung 
des Kaffee- und später des Teegenusses, der sich freilich bis 
zum Ende des 18. Jahrhunderts auf die Küstengegenden der 
Nordsee beschränkte, die Jahre auch steigender Salonfähigkeit, 
wenn nicht schon des Rauchens, so doch des Schnupfens!. 
Die entschiedenste Freiheit des einzelnen freilich wurde, 
wie sie wirtschaftlichen Vorgängen verdankt wurde, so schließ—⸗ 
lich auch auf wirtschaftlichem Gebiete gewonnen. Die Persön— 
lichkeit begann sich hier loszulösen von allen noch bestehenden 
Bindungen früherer Zeit, selbst von der der Familie: als 
Trägerin eigener Wirtschaftskraft trat sie hervor: die Anfänge 
des modernen Kreditbegriffes, als des Inbegriffes der wirt⸗ 
schaftlichen Potenz eines Einzelnen, begannen sich zu ent— 
wickeln. Und indem dies geschah, wurde der wirtschaftliche 
Egoismus der Fesseln, die ihn bisher aus dem Seelenleben 
des Einzelnen wie aus den Einwirkungen des Staates her ge— 
1Rauchen und Schnupfen verbreitet sich schon im Laufe der zwei 
letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts durch alle Stände. Anbau des 
Taͤbats seit ca. 1660 im oberen Elsaß, in der Grafschaft Hanau, im Bis— 
tum Speier, in Baden und im Breisgau, um Magdeburg und Halle, in 
Thüringen, Brandenburg und Schlesien. Falke 2. 355.
	        
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