Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 333 
Organe zu solcher Erkenntnis aufweise? Nur intuitiv, ant⸗ 
wortete darauf Droysen noch viel später in seiner Historik, läßt 
sich der Ideengehalt der Geschichte erkennen. Da war denn also 
die mystische Erkenntnistheorie der Romantik in die historische 
Methodenlehre eingetreten; und niemand schien mehr etwas zu 
wissen von den rationalistischen Anfängen dieser Lehre im 
18. Jahrhundert. Darm mußte ein steigend rationalisierender 
Realismus die Ideenlehre in der Art, wie sie bestand, bald als in 
hohem Grade einseitig erkennen. Ging sie denn etwa auf die 
Totalität der menschlichen Begebenheiten? Dem Geistigen an— 
dächtig schauend zugewandt, übersah sie dessen Wurzeln in jenen 
wirtschaftlichen und sozialen Elementarvorgängen, die dann eine 
spätere Theorie ebenso einseitig als einzig zeugendes Element der 
Geschichte gepriesen hat. Und diese Vernachlässigung der Erden— 
elemente gleichsam geschichtlichen Werdens ging schon bei Ranke 
so weit, daß alles „Ungeistige“ nur als „Schein“ betrachtet 
wurde, während es Hegel, der Geschichtsphilosoph, gar als „un— 
endliche Lüge“ bezeichnete. Da hatte denn die Historie freilich 
bekenntnismäßig „das Amt, die Vergangenheit zu richten“, wie 
Ranke sich ausdrückte, aufgegeben: war sie aber ihrem positiven 
Vorhaben treu geblieben, bloß zu berichten, „wie es eigentlich 
gewesen“? 
Eine Zeitlang konnte es scheinen, als wenn eine erkenntnis⸗ 
theoretische Heeresfolge Hegels über die Schwierigkeiten, die 
sich hier auftaten, hinweg- und weiterführen könne. Da konnte 
man die Frage, ob die Geschichte tatsächlich die Verwirklichung 
der Freiheit oder der Vernunft oder des Selbstbewußtseins 
sei, vielleicht auf sich beruhen lassen und sich auch verwandt 
„hoher Ämter nicht unterwinden“: und vermochte doch von 
dem Erkenntnisschlüssel Hegels, dem Triadensystem, Gebrauch 
zu machen, da es mit dem ihm eingeschriebenen Gedanken der 
Polarität der Gegensätze und ihrem Werden auseinander und 
zueinander ganz sicherlich eine starke psychologische und damit 
historische Wahrheit enthielt oder wenigstens andeutete. Es 
war ein Moment, das eine völlig andere Wendung in der Ent—⸗ 
wicklung der Geschichtswissenschaft zuließ: das Moment, welches
	        
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