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Der Skepticismus. — Montaigne.
Gesetz, das damit zerstört scheint, aus dem eigenen Innern wieder
aufzubauen. Dass der Wert nicht an den Dingen haftet, sondern
dass wir es sind, die ihn an sie heranbringen: dieser „Subjek-
tivismus“ ist nicht die Widerlegung, sondern der Anfang und
die positive Voraussetzung der Möglichkeit der Ethik.
So treten denn jetzt den willkürlichen Gebräuchen und Sat-
zungen die „Naturgesetze‘“ des Sittlichen als Kriterium gegenüber.
Wir haben die Natur, die uns so sicher und glücklich leitete, ver-
lassen und wollen, dass sie von uns Lehre annimmt und doch muss
unser Wissen beständig zu ihr und den Spuren ihres Unterrichts
zurückkehren, um in ihr das Muster der Beständigkeit, der Un-
schuld und Ruhe zu finden. „Wir haben es mit ihr gemacht, wie
der Parfumeur mit dem Oel; wir haben sie durch Klügeleien und
Argumentationen so sehr sophistisch verfälscht, dass sie für Jeden
aine andere, wandelbare und besondere Gestalt angenommen und
die ihr eigentümlichen allgemeinen und unveränderlichen Züge
verloren hat. (III, 12.) Es gibt somit ein identisches gemeinsames
Grundgesetz, das uns nur durch die Sophistikationen unserer Ver-
nunit verdeckt und entstellt wird. Wenn unter dem Gesichtspunkt
der theoretischen Erkenntnis die Natur sich uns in ein Chaos
vegelloser Eindrücke auflöste, so bezeichnet sie für das sittliche
Problem den Quell und die Gewähr des Gesetzes. Die Skepsis
wird zum Mittel, das zu dieser echten Grundlage zurückleitet.
Indem sie die fälschenden Zutaten der „Vernunft“ in sich selbst
vernichtet und gegen einander aufhebt, stellt sie damit die Regel
der Natur wieder in ihrer Ursprünglichkeit und Reinheit her.
Jede äussere und transscendente Begründung der Moral ist daher
überflüssig und schädlich: wahrhaft wertvoll ist nur diejenige
Handlung, die nicht durch äussere Vorschriften bestimmt ist, son-
dern aus der eigenen inneren Norm hervorgeht. So muss die
Sittlichkeit vor allem die Stütze der Religion, die ihre Gebote
an Furcht und Hoffnung knüpft, entbehren lernen. „Je V’ayme
elle que les loix et religions non facent, mais parfacent et auc-
(orisent; qui se sente de quoy se soubstenir sans ayde; nee en
nous de ses propres racines, par la semence de la raison
universelle, empreinte en tout homme non desnature“
III, 12), Noch einmal hat sich somit der bisherige Gegensatz
umgestaltet: was wir Natur nennen, das ist in Wahrheit die Regel