Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 259
Allein über das Bestreben, drastisch in Karikatur und da—
mit gern satirisch zu charakterisieren, war doch die Satire des
16. Jahrhunderts schon bei weitem hinausgegangen. Je mehr
—
malte Bildnis gelang, je mehr eine Charakteristik ohne Kari—
katur einsetzte und in groben, aber der Wirklichkeit entsprechen—
den Linien gleich den festen Umrissen des gleichzeitigen Holz—
schnittes individuelle und typische Personen sicher in den lite—
rarischen Rahmen setzte, um so mehr schied sich die Satire von
der Charakteristik und wurde eine für sich stehende Kunst.
Als solche gesellte sie sich dann die Elemente des Komischen
und des Grotesken zu. Das Komische steht entwicklungs⸗
geschichtlich schon üuber dem Satirischen: es beruht auf einem
willkürlichen Spiel mit den Erfahrungen aus dem individuellen
Verständnis der Umwelt; es ist eine idealisierende, künstlerisch
und geistig schon freiere Form der Charakteristik. Dabei
war denn das komische Element freilich nach unseren Begriffen
noch sehr äußerlich geblieben; zunächst handelte es sich um
Schilderung leiblicher Gebrechen, um Unanständigkeiten,
Fluchen, Schelten, komische Eigennamen, vielfach um das, was
wir familiär dummen Witz nennen. Doch zeigten sich hier und da
immerhin höhere Ansätze, die auf Ausnutzung des komischen
Elements für die Gesamtstimmung eines ganzen Gedichtes hin—
wiesen: das komische Epos war im Anzug.
Und neben der Komik war die Groteske entdeckt worden
als die komische Verbindung besonders weit auseinander liegen—
der Gebiete des Erfahrungsinhalts; und schon in Naogeorgs
Dramen, wo sich nicht selten Groteskes und Furchtbares mischt,
war die Wirkung gewaltig gewesen.
Ja noch mehr: die so verstärkte Satire hatte sich nicht
mehr bloß, wie zunächst im 14. und 15. Jahrhundert, auf die
typischen Zustände des gesellschaftlichen Lebens bezogen, sie
hatte vielmehr während der großen Zeiten der Reformation
eingegriffen in die höchsten geistigen Strömungen der Gegen—
wart, sie war kirchlich und sie war persönlich geworden. So
trugen ihre Verfasser die eigene Haut zu Markte, und ein
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