Full text : Sozialismus und Regierung

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Zum  Wesen  des  Proportionalwahlsystems  gehört  vor  allen  Dingen
die  Vergrößerung  der  Wahlkreise,  so  daß  um  jeden  mindestens  fünf
oder  sechs  Kandidaten  kämpfen  können 1 .  Bevor  ich  hierauf  weiter
eingehe,  muß  ich  bemerken,  daß  die  erste  Wirkung  dieser  Veränderung
offenbar  wäre,  die  Macht  des  Reichtums  in  den  Wahlkampagnen  recht
wesentlich  zu  erhöhen.  Nicht  allein  müßten  die  Wahlkosten  für  Kandidaturen ­
  mit  dem  Umfang  der  Wahlkreise  wachsen,  sondern  selbst  wenn
der  Staat  diese  Auslagen  übernähme,  wären  die  Kosten  für  Aufrechterhaltung ­
  einer  Organisation  in  den  Wahlkreisen  erheblicher,  ausgenommen ­
  für  Mitglieder  einer  Partei,  die  ein  bedeutendes  Übergewicht
an  Stimmen  hätte.  Bedacht  muß  ferner  werden,  daß  in  solchen  großen
Wahlkreisen,  die  so  reiche  Möglichkeiten  der  Manipulierung  und  der
Disziplinierung  der  Stimmen 2  gewähren  —  und  die  politischen  Bedingungen ­
  erheischen  es,  daß  solche  Gelegenheiten  ausgenutzt  werden  —,
der  „Caucus"  an  Macht  gewänne,  da  seine  Existenz  wichtiger  würde.
Man  kann  es  als  gültiges  politisches  Gesetz  aufstellen,  daß  der  Einfluß ­
  des  „Caucus“  mit  der  Kompliziertheit  des  Wahlzettels  wächst.
Nun  ist  aber  gerade  der  „Caucus“  der  angreifbarste  Teil  unseres
Systems  der  Regierung  durch  Parteien.  Das  einzigste  Gegengewicht,
das  als  Ergebnis  des  großen  Wahlkreises  in  die  Wagschale  geworfen
werden  könnte,  wäre  die  dem  Volksredner  gebotene  größere  Leichtigkeit, ­
  ins  Parlament  zu  dringen.  Schwellen  die  Gaben  der  Beredsamkeit
die  Segel,  so  kann  man  wohl  größere  politische  Erfolge  in  großen  als
in  kleinen  Wahlkreisen  erringen,  aber  empfehlen  möchte  ich  diesen
Wechsel  nicht.
Doch  angenommen,  diese  Dinge  wären  alle  richtig,  bis  zu  welchem ­
  Grade  könnte  dann  die  Verhältniswahl  die  Vertretung  von  Minoritäten ­
  sicherstellen?  Die  Minderheiten  können  Parteien  beeinflussen,
wenn  der  „Caucus“  schwach  ist.  Das  Proportionalwahlsystem  stärkt
ihn  aber.  Minoritäten  mögen  mit  angemessenen  Kosten  einige  der
vielen  kleinen  Wahlkreise  gewinnen,  weil  die  nationale  Stärke  auf  die
1  Die  Proportional  Representation  Society  nimmt  als  Minimum  3  an,  aber  das
ist  offenbar  viel  zu  niedrig.  2  Wer  einmal  den  wachsenden  Einfluß  des  „Caucus“
auf  die  Wahlen  zu  den  Schulbehörden  und  die  Entwicklung  geschickter
Methoden  der  Stimmenmanipulierung  beobachtet  hat,  bedarf  über  diesen  Punkt
keiner  eingehenderen  Belehrung.  Nun  waren  aber  diese  Wahlen  untergeordnete
Dinge;  sie  geben  nur  die  unvollkommenste  Vorstellung  davon,  was  der  Kraftaufwand ­
  wäre,  wenn  die  Parlamentswahlen  in  Wahlkreisen  mit  derselben  breiten
Basis  und  derselben  Kompliziertheit  der  Wahlzettel  geführt  würden.
            
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