IX Mac Donald, Sozialismus
IX
Was er damals als ein noch außerhalb des Parlaments Stehender
entwickelt hatte, das begründet er jetzt eingehend an der Hand
seiner Erfahrungen als Parlamentarier und Parteiführer. Hat er dabei
auch überwiegend die Verhältnisse des britischen Reiches im Auge, so
sind die Fragen, die er behandelt, doch fast durchgängig solche, die
gerade jetzt auch bei uns auf der Tagesordnung stehen. Das demokratische
Deutschland strebt nach Verwirklichung des parlamentarischen
Regierungssystems. Aber große Meinungsverschiedenheiten
bestehen darüber, wie das Ziel zu erreichen sei. Wer sich mit den
betreffenden Vorschlägen befaßt, dem werden die Abschnitte dieses
Buches „Die politische Organisation des Staats“ und „Die Partei und
das Parlament“ überaus wertvolle Fingerzeige geben. Namentlich
sind die Darlegungen über die Rückwirkungen des sogenannten zahlengerechten
Wahlsystems („Proporz“) und der Minoritätenvertretung
auf den Parlamentarismus höchst instruktiv. Sie werden manchem
auf den ersten Blick als undemokratisch erscheinen. Springt
doch Mac Donald mit diesen Lieblingsprojekten vieler Demokraten
sehr unsanft um. Man hat sich in demokratischen Kreisen viel darauf
verlegt, Spezialmittel für alle möglichen Unstimmigkeiten in der
Bildung und Funktion der Vertretungskörper zu ersinnen, was in
folgerichtiger Durchführung darauf hinauslaufen würde, die Demokratie
als einen höchst mathematisch korrekt, damit aber notwendigerweise
möglichst unpersönlich arbeitenden Mechanismus zu gestalten.
Mac Donald dagegen vertritt mit der organischen Auffassung von
Staat und Gesellschaft auch das Bestreben, der Demokratie organisches
Leben, organische Entwicklung zu sichern, und mit dem persönlichen
Einfluß auch die persönliche Verantwortung beizubehalten.
Daher seine Gegnerschaft gegen die gebundenen Mandate, die mathematischen
Vertretungssysteme und dergleichen. Ihm sind ziffernmäßige
Ungenauigkeiten in der Vertretung unwesentlich, sobald nur
dafür gesorgt ist, daß der Volkswille in seinen großen, umfassenden
Tendenzen die Zusammensetzung des Parlaments und damit auch
der Regierung bestimmt. Nicht nach der mathematischen, nach der
persönlichen Seite hin will er die Demokratie entwickeln. Sie soll
kein blutleerer Körper sein.
Man begreift ohne weiteres, daß_ dieses Problem, demokratische
Grundsätze mit der Erhaltung der persönlichen Verantwortung zu