haben wir den Maßstab anzulegen, sondern den gemeinsamen Willen
der Regierungsmehrheit haben wir zu würdigen. Die Proportionalisten
sind der irrigen Meinung, daß die Repräsentanz durch die Wahlen bestimmt
werde: eine individualistische Ansicht; wohingegen erst die
Taten der Abgeordneten von der Vertretung Zeugnis ablegen: die sozialistische
Betrachtungsweise. Die Regierung oder die Opposition zu
stärken, ist das Höchste, wenn auch nicht alles, was die Wähler durch
ihr Votum für einen Kandidaten tun können. Bei dieser Aufgabe harrt
auch für die nach der Verhältniswahl gewählten Vertreter der Minoritäten
die Verantwortung, es sei denn, daß eine Partei die absolute Mehrheit
im Parlamente bildete, was unter solchem System kaum zu erwarten
wäre. Eine Majorität muß stets für Arbeitszwecke geschaffen werden,
sie muß dauerhaft sein, wenn sie eine konsequente Politik verwirklichen
will. Nur braucht sie nicht der Anzahl ihrer Wähler mathematisch
genau proportioniert zu sein. Sehr viel kann noch für die Ansicht vorgetragen
werden, daß sich eine Regierung auf eine Parlamentsmehrheit
stützen sollte, die das Zahlenverhältnis ihrer Wähler überstiege, da die
Regierung von allen Sektionen, aus denen sie nicht zusammengesetzt
wird, unabhängig sein muß. Das ist die Bedingung vollständiger Verantwortlichkeit.
Allerdings soll diese Regierungsmajorität auch die Mehrheit draußen
im Lande darstellen, aber wie ich bereits gezeigt habe, braucht dies
unter dem Proportionalwahlsystem nicht einzutreten. Eine aus unabhängigen
Abgeordneten und Gruppen gebildete parlamentarische Mehrheit,
von der die Regierung abhängt, braucht keine Majorität von
Wählern zu vertreten. Unter dem jetzigen System mögen Scharen von
Wählern gezwungen werden, für Programme in Bausch und Bogen zu
stimmen, obgleich sie Teile von ihnen nicht akzeptieren, und möglich
wäre es, daß sich die Majorität der Abgeordneten durch ein seltenes
Spiel des Zufalls mit der Mehrheit der Wähler nicht decke. Unter der
Proportionalvertretung können die wahlberechtigten Bürger gezwungen
werden, eine Regierung zu akzeptieren, die zu bilden ihre Abgeordneten
kein Mandat erhalten hätten, und eine Politik der Gesetzgebung
hinzunehmen, der sie stets ihre Sanktion verweigert hätten. Doch hiervon
ganz abgesehen, müßte eine nach diesem System konstituierte
Regierung an allen Schwächen einer mechanischen Zusammenfügung
kranken, wie sie den kontinentalen Blocks anhaften. Ein partikularisti-91