Full text: Sozialismus und Regierung

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das die Repräsentativverfassung aufgibt, und ist erst klar und deutlich 
erkannt, daß hiermit begonnen werden muß, so wird sich das Irrtüm 
liche von nicht wenigen volkstümlichen Ideen und Vorschlägen sofort 
herausstellen. 
Man kann den Gang der legislativen Tätigkeit kurz so skizzieren. 
Die gesetzgebende Körperschaft erweitert als erste den Horizont der 
Ideen, sie regt neue Ziele und Zwecke an, macht Vorschläge und er 
zieht die Gemeinschaft in diesen Dingen, damit sie sich diese Ideen und 
Bestrebungen aneigne. Die propagandistischen Zirkel vermitteln diesen 
Prozeß. Am Anfang des letzten Jahrhunderts entstand z. B. die Schule 
Benthams, die als solche nie mehr als einen kleinen Kern in der Ge 
sellschaft bildete. Die Männer, die sich ausdrücklich als Individua 
listen und Utilitarier bekannten und die planvoll ihre Philosophie 
auf die Gesetzgebung anwandten, waren der Anzahl nach sehr gering, 
wenn auch an Geistesgaben glänzend und voll unermüdlicher Schaf 
fensfreude. Doch die für die Arbeiten des legislativen Organes ver 
antwortlichen Personen, ob innerhalb oder außerhalb des Parlamentes, 
konnten nicht umhin, den gesunden, verständigen Teil des Bentha- 
mismus zu akzeptieren. Getrennt von seiner Philosophie, sah Ben- 
tham in sich selbst keinen Commonsense. Seinen gesunden Menschen 
verstand adoptierten die politischen Organe Englands, seine Philo 
sophie dagegen überließen sie den Professoren zum Zerkleinern und 
Zerhacken. Stets wiederholt sich dies, und dem Sozialismus widerfährt 
heute genau dasselbe. Ein positiver Staat, der mit den Individuen tätig 
zusammen wirkt, der Eigentumsobjekte kontrolliert und besitzt und 
eine Gemeinschaftsorganisation aufbaut, in der der Einzelne Freiheit 
und Verwirklichung seiner Persönlichkeit findet, wird ein Axiom der 
Gesetzgebung — nicht etwa, weil die Philosophie und die Utopien 
des Sozialismus mit Bewußtsein akzeptiert werden, sondern weil sie 
die bestehenden Verhältnisse so treu und wahr erklären und in den 
öffentlichen Angelegenheiten ein Wegweiser sind, den intelligente Men 
schen nicht abweisen können. Obgleich diese Prinzipien an sich ver 
spottet und verhöhnt werden, sind sie es also erst, die die praktischen 
Programme der Parteien speisen. Sie sind mit anderen Worten ein Haupt 
bestandteil jener Gesinnung, die nach Mark Pattison „tiefer als die Mei 
nung“ reicht, weil sie „die Meinung vorausbestimmt". Die Funktions 
äußerungen des politischen Organs befinden sich hier auf ihrer ersten
	        
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