Full text : Sozialismus und Regierung

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mit  dem  sie  in  die  Tageskämpfe  eingreifen  will.  Der  Sozialist  spricht
jedem  das  Recht  ab,  sich  so  zu  nennen,  es  sei  denn,  er  glaube  an  die
Wahrheit  gewisser  Lehren  und  daß  bestimmte  Dinge  geschehen  müssen.
Doch  wie  machtvoll  auch  der  Gedanke  bei  der  Gestaltung  der  Schicksale ­
  wirken  möge,  er  muß  sich  erst  in  der  Praxis  bewähren,  auf  verwilderten ­
  Wegen  müssen  seine  idealen  Ausprägungen  erreicht  werden.
Die  Entfernung  zwischen  dem  „Sein“  und  dem  „Soll  sein“  muß  durchmessen ­
  werden.  Die  Tagesereignisse  sind  politische  Geschehnisse,  die
Geschichte  des  Tages  ist  die  Geschichte  der  politischen  Parteien.  Unwiderstehlich ­
  drängt  sich  deshalb  die  Schlußfolgerung  auf,  daß  die  Sozialisten, ­
  die  im  politischenLeben  stehen,  sich  nicht  dieSchaffung  einer  dogmatisch ­
  sozialistischen  Partei  zum  Zwecke  setzen  sollten,  sondern  einer
Partei,  die  dem  Sozialismus  entgegenschreitet.  Die  sozialistischen  Voraussetzungen ­
  gleichen  dem  Lichte  und  der  Luft,  sie  werden  zu  den
Lebensbedingungen  des  Volkes,  das  ebensowenig  imstande  ist,  über
sie  zu  theoretisieren  und  dogmatisieren,  sie  zu  erklären  und  ihre  wissenschaftlichen ­
  Formeln  herunterzuplappern,  als  es  fliegen  kann.  Der  Ruf
nach  einer  dogmatisch  sozialistischen  Partei  schallt  noch  aus  der  revolutionären ­
  Periode  herüber,  oder  er  ist  eine  Nachahmung  von  Methoden,
die  Ländern  angemessen  sind,  wo  die  parlamentarische  Regierungsform
nur  dem  Scheine  nach  existiert.  Bei  uns  ist  eine  Partei  vonnöten,  die  den
sozialistischen  Gesichtspunkt  akzeptiert  und  der  bei  der  Behandlung
des  Industrieproblems  der  Gesellschaft  die  sozialistischen  Postulate
als  regulative  Idee  vorschweben.  Wenn  meine  Vorstellung  über  die
Art  und  Weise,  wie  die  Parteien  die  Ideen  repräsentieren  und  sie  naturgemäß ­
  zurVollendung  und  Reife  bringen,  richtig  ist,  so  muß  der  Sozialismus ­
  durch  eine  sozialisierende  politischePartei  und  nicht  durch  eine  dogmatisch ­
  sozialistische  herbeigeführt  werden.  So  seltsam  es  auch  klingen
mag,  das  Kommen  des  Sozialismus  wird  durch  eine  sozialistische  Partei, ­
  die  vermeint,  sie  wäre  einer  sozialisierenden  überlegen,  verzögert
werden,  weil  ihre  Methoden  denen  entgegengesetzt  sind,  nach  welchen
sich  die  Gesellschaft  entwickelt.  Außerdem  spotten  die  Formen  gesellschaftlicher ­
  Dynamik  in  allem,  was  das  soziale  Wachstum  betrifft,  den
dogmatischen  Wünschen  und  Schöpfungen  der  Menschen.  Jene  Sozialisten, ­
  die  sich  einbilden,  daß  einer  dogmatisch  sozialistischen  Partei
besondere  Tugenden  anhaften,  lehnen  es  nicht  allein  ab,  sich  zur  Erreichung ­
  ihrer  Ziele  der  vorhandenen  Mittel  zu  bedienen,  sondern  sie
            
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