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parteiisch, daß sie die Nation verträte: sie repräsentiert eine Klasse.
Sie ist keine Aristokratie mehr, sondern eine adelige Plutokratie 1 .
Die Whigs verteidigten das Herrenhaus hauptsächlich deshalb, weil sie
es für ein Bollwerk der sozialen Kultur, des historischen Empfindens
und des aristokratischen Fühlens gegen den groben ökonomischen
Materialismus der neuen Erwerbsklassen hielten, die durch die in
dustrielle Revolution ins Leben gerufen worden waren. „Eine Aristo
kratie sollte das Haupt einer Plutokratie sein“, sagten sie 2 . Aber die
Aristokratie ist eine Plutokratie geworden und umgekehrt. Die neu
Geadelten sind keine Aristokraten, auch ihre Kinder nicht. Eine Ari
stokratie ist ein soziales Wachstumserzeugnis, aber keine politische
Schöpfung. Allerdings haben ein paar Gelehrte, ein alter Zivilbeamter
oder zwei, ein oder zwei Männer, die sich durch ihre Geistesgaben aus
zeichnen und sich um den Staat Verdienste erworben haben, ihren Weg
zur Pairswürde gefunden. Aber als Ganzes betrachtet, vertritt das Haus
der Lords einfach die Interessen, die der Staat heute um der Wohlfahrt
der Gemeinschaft willen einengen und kontrollieren muß. Die Adels
kammer hält die Überzeugungen für heilig, auf die die schmarotzen
den Klassen sich stützen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.
Obgleich die gegenwärtige Verfassung des Herrenhauses nicht ver
teidigt werden kann, wird jedoch der Gedanke propagiert, daß unser
Verfassungsleben durch einen Senat weiser, einsichtsvoller Männer be
reichert werden müßte, die eher alt als jung, eher Konservative als
Liberale zu sein hätten, die würdevoll, unparteiisch, erfahren und ge
ehrt wären — eine Spezies politischer Utopien. Hierauf bezügliche Vor
schläge sind gemacht worden. Peers auf Lebenszeit sollten geschaffen
und Kunst und Wissenschaft durch Vertretung verherrlicht werden;
aus dem Verwaltungsdienst sollte man die besten und feinsten Kräfte
berufen, die Aristokratie hätte einige ihrer Angehörigen in diese Kör
perschaft zu entsenden, und die Tochternationen könnten dort ihre
1 Bemerkenswert ist, was Bagehot über die beiden Häuser nach der Wahlreform
von 1867 schrieb: „Der Geist unseres gegenwärtigen Unterhauses ist plutokra-
tisch, nicht aristokratisch. Seine hervorragendsten Staatsmänner sind nicht
Männer alter Abkunft oder mit großem ererbten Besitze; meistens sind sie sehr
vermögend, aber größtenteils sind sie auch mehr oder weniger eng mit dem neuen
Gewerbs- und Handelsreichtum verknüpft.“ (Parliamentary Reform, pp. 200
bis 201.) Setzt man in diesem Auszuge House of Lords für House of Commons,
so ist die heutige Situation genau geschildert. 2 Siehe Bagehot: The English Con
stitution, p. 91: „Mit bloßem Geldeist die Londoner Gesellschaft nichtzu kaufen."
Heute könnte man damit alles kaufen: Töchter, Ehemänner, alles und jedes!