respektablen Gesellschaft beobachten. Manchmal kommt dieser In
dividualismus im sittlichen Betragen auch in der sozialistischen Be
wegung zum Vorschein und färbt sie. Doch in Wirklichkeit findet er
seinen Weg dorthin nicht deshalb, weil der Sozialismus etwa irgend
etwas mit ihm gemein hätte, sondern weil er in dem Sozialismus haupt
sächlich eine Empörung gegen die bestehenden Zustände erblickt und
in ihm einen Waffengefährten sucht. In dem Maße als sich der Sozia
lismus seiner Verwirklichung nähert, wird sich der verirrte Individua
lismus, der auf den früheren Stufen des Sozialismus bei ihm Unter
schlupf gefunden hat, wieder von ihm trennen, um andere und kon
genialere Ruheplätze zu suchen.
Keine Einrichtung wird in dem sozialistischen Staate eine geehrtere
oder besser umgrenzte Stellung einnehmen als die Familie. Wenn Schul
speisungen eingeführt werden — und dies wird zweifellos geschehen —,
so deshalb, weil man die gemeinsamen Mahlzeiten als eine Zeremonie von
dem größten erzieherischenWert betrachten wird. Aber die ökonomische
und moralische Einheit der Verwaltung wird ohne Zweifel die Familie
sein. Das Recht der Mütter und Kinder auf des Lebens Unterhalt wird
von der Familie eingelöst werden, aber nicht von dem Staate, obgleich
er sich die Befugnis reservieren kann, das erwähnte Recht gegen die
Familie zu erzwingen, oder wenn es nötig ist, helfend einzuschreiten,
wo die Familie versagt. Erst unter dem Sozialismus wird es verwirklicht
werden, daß die Familie die Grundlage des Staates ist. Dann erst wird
die Familie selbst auf der unangreifbaren wirtschaftlichen Basis, die
sie unter dem Kapitalismus nicht finden konnte, gesichert werden.
D. FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT
IM SOZIALISMUS
enn die drei Losungsworte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlich-
’ ' keit — die Zeichen und Gegenzeichen der heiteren Tage der
französischen Revolutionen, als der Individualismus die Menschheit in
jugendlicher Begeisterung umfaßte —, weiter gebraucht werden sollen,
wie sie es wegen ihrer historischen Verknüpfungen und des Reichtums
ihrer Tradition ganz gut könnten, so werden wir nicht mit ihnen diesel
ben Vorstellungen verbinden wie einst. Wie die Symbole in den Zeremo
nien, so wird auch ihre Form überleben, aber ihr Sinn wird sich verändern.
Durch die Aufhebung einiger verderblicher Formen des Regierungs-
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