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Physostigmin
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Pikrinsäure
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Physostigmin (Eserin, lat. Physostigminum,
Eserinum, frz. Eserine, engl. Eserin), das sehr gif
tige Alkaloid der Kalabarbohne, ist eine starke
Base und bildet dünne kristallinische Blättchen
von rhombischer Form, die sich in Äther, .Alko
hol und Chloroform lösen und bei 102 0 schmel
zen. Ein einziger Tropfen einer Lösung, die nur
1 mg P. enthält, bewirkt sofort eine starke, lang
andauernde Zusammenziehung der Pupille. Man
verwendet das P. daher in der Augenheilkunde,
gewöhnlich in Form des Sulfates (schwefel
saures Physostigmin).
Piassava (Piassabo, frz. Piassave, engl. Para
grass, Monkey grass), eine starke, äußerst halt
bare Pflanzenfaser, die aus Brasilien und
Venezuela zu uns gebracht wird und von der
Strickpalme, Attalea funifera (Mart.), ab
stammt, besteht aus den zähen Fasern der Blatt
scheiden,, die nach Zerstörung der übrigen Ge
webeteile durch die Atmosphäre an den Stämmen
frei herabhängen. Die fischbeinartig elastischen,
glanzlosen Fasern sind von dunkelbrauner Farbe,
fast immer abgeplattet, bis zu 1 m, selten darüber
lang, und 0,8—2,5 mm dick. In den Ursprungs
ländern fertigt man aus ihnen Matten, Seile und
Taue, während sie bei uns zur Herstellung fast
unverwüstlicher Straßenbesen (Piassavabesen),
Straßenkehrmaschinen und grober Bürsten be
nutzt wird. Außerdem kommt noch afrikani
sche P., von einer Palmenart, Raphia vini-
fera, auf den Markt, die aber spröder und daher
weniger geschätzt ist, als die brasilianische.
Pichi, eine aus den getrockneten Stengeln und
Blättern der in Chile heimischen Nikotianee Fa-
biana imbricata bestehende Droge, wird als
Heilmittel gegen Krankheiten der'Schafe und
Ziegen empfohlen. Das aus der P. hergestellte
Fluidextrakt findet gegen Erkrankungen der Leber
und der Harnwege Anwendung.
Pichurimbohnen (Muskatbohnen, brasi
lianische Bohnen, lat. Fabae pichurim, frz.
Peves de Brasil, engl. Beans of Brasil) sind die
Samenkerne eines namentlich in Brasilien wach
senden lorbeerartigen Gewächses, Nectandra
Puchury, die in zwei Formen, als kleine und
große P., in den Handel kommen. Die Pflanzen
Vagen fleischige Früchte, aus denen der Kern
herausgenommen, von der Samenschale befreit
und am Feuer getrocknet wird. Die gespaltenen,
Picheln ähnlichen Stücke sind ziemlich hart,
außen graubraun, innen fleischfarben gelblich
und mit braunen Punkten marmoriert sowie
v on etwas mehliger und öliger Beschaffenheit,
'hr Geschmack und Geruch erinnert an ein Ge
misch von Muskat und Sassafrasholz. Sie ent
halten neben ihrem aromatischen Öl auch Gerb
stoff und werden an Stelle der Muskatnüsse als
Gewürz benutzt. Früher wurden sie gegen Kolik
u ud ruhrartige Zustände angewandt.
Pikee (frz. Piquö, engl. Guilting, Marseille), ein
baumwollenes Gewebe, das infolge des Vorhan
denseins von abwechselnd erhöhten und vertieften
Stellen wie gesteppt (piquü) erscheint, gehört zu
den Doppelgeweben, d. h. bei seiner Herstellung
Werden zwei übereinanderliegende Ketten, ver
wandt, von denen jede besonderen Einschuß er
hält. Die Verbindung beider Ketten erfolgt da
durch, daß zeitweise einzelne Fäden der einen
Kette in die andere verlegt und durch die Ein
schußfäden dieser Kette mit gebunden werden.
Für das obere Gewebe, die rechte Seite oder den
Grund, verwendet man feineres Garn und doppelt
so viel Fäden als für das untere, das sog. Futter.
Die Stellen oder- Linien, in denen die beiden Ge
webe miteinander verbunden sind, erscheinen
zwischen den übrigen Teilen vertieft. Die Pikees
sind entweder ganz weiß oder einfarbig und mit
verschiedenen Mustern bedruckt, oder durch ver
schiedenfarbige Einschuß- und Kettenfäden ge
gittert, gestreift oder broschiert und werden zu
Westen, Unterröcken, Hausanzügen, Sommer
kleidern, Vorhemdchen und besonders auch zu
gemusterten Bettdecken verwandt.
Pikrinsäure (Pikrinsalpetersäure, Tri
nitrophenol, Trinitrophenylsäure, Tri
tt itrokarbolsäu re, Köhlens tickst off säure,
Weiters Bitter, lat. Acidum carbazoticum, Aci
dum picrinicum, Acidum picronitricum, frz. Acide
nitrophönisique, engl. Nitrophenisic acid), ein
außerordentlich wichtiger Gegenstand des Dro
gen- und Färb warenhandeis, entsteht häufig bei
der Einwirkung starker Salpetersäure auf organi
sche Stoffe des Tier- und Pflanzenreichs, und
zwar sowohl stickstoffhaltiger wie stickstofffreier.
Jeder gelbe Fleck z. B., den Salpetersäure auf
Zeugen, auf der Haut usw. hervorbringt, kann
als durch P. entstanden, betrachtet werden. Be
sonders reichlich erhält man sie durch Behand
lung von Indigo mit Salpetersäure. Eine Zeit
lang wurde die P. aus dem Botanybaiharz oder
Akaroidharz, später aus dem Steinkohlenteer her-
gcstellt, während man jetzt nur noch die aus
diesem abgeschiedene, möglichst reine, vom Kre-
sol befreite Karbolsäure verwendet. Das Phenol
wird in konzentrierter Schwefelsäure gelöst und
die Mischung in stark erwärmte Salpetersäure
eingetragen, Worauf die P. nach dem Erkalten
in Form hellgelber, glänzender Schüppchen,
schmaler Täfelchen oder auch Säulchen aus-
kristallisiert, die durch nochmaliges Auflösen und
Umkristallisieren gereinigt werden können. P.
löst sich schwer in kaltem, leichter in heißem
Wasser, leicht in Alkohol und Äther. Die Lö
sungen besitzen eine intensiv gelbe Farbe sowie
äußerst bitteren Geschmack und wirken im Kör
per als ein Gift. P., C 6 H 2 (0H)(N0 2 ) s , schmilzt
bei 122,5° und explodiert bei raschem Erhitzen.
Ihre Säurenatur beweist sie dadurch, daß sie die
Kohlensäure aus ihren Salzen austreibt. Im Han
del hat man außer der reinen P. noch zwei
weniger reine, undeutlich kristallisierte Sorten
von blässerer Farbe, in Form derber Massen
oder Teigform, die entweder infolge der Ver
wendung unreiner Karbolsäure zahlreiche, beim
Auflösen in heißem Wasser größtenteils zurück-
bleibende Verunreinigungen enthalten, oder so
gar mit Alaun, Magnesiumsulfat oder NatriunL
sulfat stark verfälscht sind. Der Nachweis dieser
Zusätze beruht auf ihrer Unlöslichkeit in Alko
hol. Außerdem enthält P. häufig Mono- und
Dinitrophenol, die ebenfalls den Wert der Ware
verringern. Die P. ‘wird zum Färben von Wolle
und Seide benutzt. Ihr Färbevermögen ist so
groß, daß schon 1 g für t kg Seide ausreicht.
Gleiche Verwendung finden ihre Salze, die Pi
krate, besonders das Natrium- und Ammonium
pikrat, doch ist bei ihnen äußerste Vorsicht am
Platze, da sie sehr leicht explodieren. Wegen