Full text: Merck's Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe

Schwefelsäure 
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Schwefelsäure 
hei gewöhnlicher Temperatur ein dickflüssiges 
Öl von der Formel H 2 S0 4 . Sie beginnt bei 40 0 
zu rauchen, bei höherer Temperatur nimmt die 
Zerlegung in Schwefelsäureanhydrid und Wasser 
zu und bei 338° destilliert reine Säure, die wie 
der i,s 0/0 Wasser enthält. — Die konzentrierte 
S. zieht begierig Wasser an und wird deshalb 
häufig zum Trocknen von Gasen und festen 
Körpern sowie auch zum Konzentrieren von 
Flüssigkeiten benutzt, indem man letztere in ge 
schlossenen Gefäßen längere Zeit über S. auf 
bewahrt. Wird S. mit Wasser gemischt, so tritt 
heftige Erwärmung ein, und aus diesem Grunde 
ist die konzentrierte S. beim Verdünnen mit 
Wasser stets in dünnem Strahl unter Umrühren 
in das Wasser zu gießen. Nie gieße man Wasser 
in die S.l Der Nachweis von konzentrierter S. 
ist leicht zu führen durch das hohe spez. Gew., 
durch das starke Erwärmen beim Verdünnen 
mit Wasser und durch die Schwärzung, die Holz, 
Zucker und andere organische Stoffe durch sie 
erleiden. Freie verdünnte S. weist man nach, 
mdem man sie mit einem Körnchen Zucker 
eindampft, wobei ein schwarzer Rückstand hinter 
bleibt. In freiem und gebundenem Zustande er 
kennt man die S. an dem weißen Niederschlag, 
den Bariumsalzlösungen hervorrufen. — Im Han 
del unterscheidet man. in der Hauptsache drei 
Arten von S., rauchende, rohe und reine S. 
Außerdem trifft man noch die verdünnte S. 
des D. A. B. und die sog. wasserfreie S. an. 
— Die rauchende oder Nordhäuser S. (Vi 
triolöl, Pyroschwefelsäure, lat. Acidum sul 
furicum fumans, frz. IJuile de vitriol, engl. Vitrioi- 
Oil) wurde früher in der Gegend von Nordhausen 
durch Destillation von entwässertem Eisenvitriol 
in tönernen Retorten hergestellt. Jetzt wird 
sie besonders in Böhmen und England ge 
wonnen, wo man den Eisenvitriol nicht nur 
entwässert, sondern durch fortgesetztes Rösten 
möglichst vollständig in basisches schwefelsaures 
Eisenoxyd verwandelt. Dadurch entsteht eine 
größere Ausbeute, indem der gesamte Schwefel 
des Eisenvitriols in Schwefelsäureanhydrid um 
gesetzt wird, während bei dem Nordhäuser Ver 
fahren ein Teil als schweflige Säure verloren 
geht. Das Destillat wird in Vorlagen, die wenig 
Wasser oder englische S. enthalten, aufgefangen 
und der aus Eisenoxyd bestehende Rückstand 
unter dem Namen Colcothar (s. d.) (lat. Caput 
mortuum) für sich verkauft. Nahezu reine rau 
chende S. sowie reines Schwefelsäureanhydrid 
wird neuerdings nach dem Kontaktverfahren 
(s- oben) von CI. Winkler dargestellt. Die rau 
chende S. des Handels bildet eine dicke, ölige, 
braune Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,860 bis 
'.9oo, die höchst ätzend wirkt und an der Luft 
dicke, weiße Dämpfe von Schwefelsäureanhydrid 
a usstößt. Sie enthält als wesentlichsten Bestand 
teil Pyroschwefelsäure, H 2 S 2 0 7 , die in chemi- 
s cher Beziehung als eine Verbindung gleicher 
Moleküle Schwefelsäure und Schwefelsäureanhy 
drid anzusehen ist. Die nach dem Winklerschen 
^erfahren hergestellte kristallisierte, rauchende 
K. die ebenfalls im Handel zu haben ist, be 
geht aus nahezu reiner Pyroschwefelsäure, die 
s, ch beim Erwärmen in S. und Schwefelsäure- 
unhydrid verwandelt. Die rauchende S. dient 
'u® Auflösen des Indigos, zur Herstellung von 
Sulfosäuren für Farbenfabriken, zum Bleichen 
von Ozokerit, zur Darstellung von Stiefelwichse 
usf. •— Als sog. wasserfreie S. wird fälsch 
licherweise das Schwefelsäureanhydrid, S0 3 , be 
zeichnet, das entweder nach dem Verfahren von 
Winkler oder durch gelindes Erhitzen von rau 
chender S. und Auffangen der Dämpfe in einer 
gut gekühlten Vorlage gewonnen wird. Es stellt 
lange, farblose, schon bei 15 0 schmelzende Pris 
men dar und kommt in eisernen Trommeln 
von 50 kg Inhalt als 98—gpo/oige Ware in den 
Handel. Das Schwefelsäureanhydrid findet in 
der wissenschaftlichen und technischen Chemie 
ausgedehnte Verwendung. — Die rohe, ge 
wöhnliche oder englische S. (lat. Acidum 
sulfuriccum crudum seu anglicum, frz. Aeide sul- 
furique, engl. Sulfuric acid), die nach dem Blei 
kammerprozeß dargestellte S., bildet eine klare, 
farblose oder schwach gelbliche, ölige Flüssig 
keit vom spez. Gew. 1,830—1,833, entsprechend 
einem Gehalte von 92—93 °/o S., die in der 
Hauptsache durch Arsen und Blei, manchmal 
aber auch durch Salpetersäure und Oxyde des 
Stickstoffs verunreinigt ist. Ihre Verwendung 
ist außerordentlich vielseitig. Die größten Men 
gen werden von den Sodafabriken gebraucht; 
ferner dient sie zur Gewinnung von Salpeter 
säure, Phosphorsäure, Chromsäure, Weinsäure, 
Essigsäure und Zitronensäure und zur Herstellung 
von Superphosphaten aus Knochenmehl, Apatit, 
Phosphoriten und Guano. Weiter gebraucht man 
sie zur Bereitung von Äther und Essigäther, von 
schwefelsaurer Tonerde, Alaun, Kupfervitriol, 
Zinkvitriol, in Stärkezucker-, Stearinkerzen- und 
Mineralwasserfabriken sowie Affinieranstalten. 
Auch zur Herstellung von Teerfarben, zum Raffi 
nieren von Ölen, zum Reinigen des Petroleums, 
zur Darstellung von Pergamentpapier, Schieß 
baumwolle und Nitroglyzerin finden erhebliche 
Mengen S. Verwendung. Die Aufbewahrung 
der englischen S. hat ebenso wie bei der rauchen 
den S. in starken Glasgefäßen mit Glasstopfen 
zu erfolgen. Bei letzterer ist aber noch besonders 
darauf zu achten, daß in dem Lagerräume die 
Temperatur nicht unter o° fällt, da sie sonst 
unter Ausdehnung fest wird. — Die reine S. 
(lat. Acidum sulfuricum purum seu rectificatum, 
frz. Acide sulfurique pur, engl. Pure sulfuric acid) 
wird durch Destillation der vom Arsen befreiten 
englischen S. aus Glasretorten dargestellt und 
bildet eine färb- und geruchlose, ölige Flüssig 
keit vom spez. Gew. 1,836—1,840, entsprechend 
einem Gehalte von 94—98 % S. Die Prüfung auf 
Reinheit hat sich vorzugsweise auf einen et 
waigen Gehalt an Arsen, Blei, schwefliger Säure 
und Salpetersäure zu erstrecken. In zweiter 
Linie kommen andere Metalle, Salzsäure und 
Oxyde des Stickstoffs in Betracht. Die reine S. 
dient zu medizinischen Zwecken, zur Herstellung 
reiner Sulfate und als Reagens der chemischen 
Laboratorien. — Die verdünnte S. des D. A. B. 
endlich (lat. Acidum sulfuricum dilutum), eint 
Mischung aüs fünf Teilen Wasser und einem Teil 
reiner S„ besitzt das spez. Gew. 1,112 und wird 
medizinisch verwandt. Rohe verdünnte S. findet 
als Putzmittel für Kupfer, Messing und Zink 
Anwendung. — Die Menge der im Deutschen 
Reiche hergestellten S. hat in den letzten Jahr 
zehnten eine gewaltige Zunahme erfahren und
	        
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