Schwefelsäure
405
Schwefelsäure
hei gewöhnlicher Temperatur ein dickflüssiges
Öl von der Formel H 2 S0 4 . Sie beginnt bei 40 0
zu rauchen, bei höherer Temperatur nimmt die
Zerlegung in Schwefelsäureanhydrid und Wasser
zu und bei 338° destilliert reine Säure, die wieder
i,s 0/0 Wasser enthält. — Die konzentrierte
S. zieht begierig Wasser an und wird deshalb
häufig zum Trocknen von Gasen und festen
Körpern sowie auch zum Konzentrieren von
Flüssigkeiten benutzt, indem man letztere in geschlossenen
Gefäßen längere Zeit über S. aufbewahrt.
Wird S. mit Wasser gemischt, so tritt
heftige Erwärmung ein, und aus diesem Grunde
ist die konzentrierte S. beim Verdünnen mit
Wasser stets in dünnem Strahl unter Umrühren
in das Wasser zu gießen. Nie gieße man Wasser
in die S.l Der Nachweis von konzentrierter S.
ist leicht zu führen durch das hohe spez. Gew.,
durch das starke Erwärmen beim Verdünnen
mit Wasser und durch die Schwärzung, die Holz,
Zucker und andere organische Stoffe durch sie
erleiden. Freie verdünnte S. weist man nach,
mdem man sie mit einem Körnchen Zucker
eindampft, wobei ein schwarzer Rückstand hinterbleibt.
In freiem und gebundenem Zustande erkennt
man die S. an dem weißen Niederschlag,
den Bariumsalzlösungen hervorrufen. — Im Handel
unterscheidet man. in der Hauptsache drei
Arten von S., rauchende, rohe und reine S.
Außerdem trifft man noch die verdünnte S.
des D. A. B. und die sog. wasserfreie S. an.
— Die rauchende oder Nordhäuser S. (Vitriolöl,
Pyroschwefelsäure, lat. Acidum sulfuricum
fumans, frz. IJuile de vitriol, engl. Vitrioi-Oil)
wurde früher in der Gegend von Nordhausen
durch Destillation von entwässertem Eisenvitriol
in tönernen Retorten hergestellt. Jetzt wird
sie besonders in Böhmen und England gewonnen,
wo man den Eisenvitriol nicht nur
entwässert, sondern durch fortgesetztes Rösten
möglichst vollständig in basisches schwefelsaures
Eisenoxyd verwandelt. Dadurch entsteht eine
größere Ausbeute, indem der gesamte Schwefel
des Eisenvitriols in Schwefelsäureanhydrid umgesetzt
wird, während bei dem Nordhäuser Verfahren
ein Teil als schweflige Säure verloren
geht. Das Destillat wird in Vorlagen, die wenig
Wasser oder englische S. enthalten, aufgefangen
und der aus Eisenoxyd bestehende Rückstand
unter dem Namen Colcothar (s. d.) (lat. Caput
mortuum) für sich verkauft. Nahezu reine rauchende
S. sowie reines Schwefelsäureanhydrid
wird neuerdings nach dem Kontaktverfahren
(s- oben) von CI. Winkler dargestellt. Die rauchende
S. des Handels bildet eine dicke, ölige,
braune Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,860 bis
'.9oo, die höchst ätzend wirkt und an der Luft
dicke, weiße Dämpfe von Schwefelsäureanhydrid
a usstößt. Sie enthält als wesentlichsten Bestandteil
Pyroschwefelsäure, H 2 S 2 0 7 , die in chemis
cher Beziehung als eine Verbindung gleicher
Moleküle Schwefelsäure und Schwefelsäureanhydrid
anzusehen ist. Die nach dem Winklerschen
^erfahren hergestellte kristallisierte, rauchende
K. die ebenfalls im Handel zu haben ist, begeht
aus nahezu reiner Pyroschwefelsäure, die
s, ch beim Erwärmen in S. und Schwefelsäureunhydrid
verwandelt. Die rauchende S. dient
'u® Auflösen des Indigos, zur Herstellung von
Sulfosäuren für Farbenfabriken, zum Bleichen
von Ozokerit, zur Darstellung von Stiefelwichse
usf. •— Als sog. wasserfreie S. wird fälschlicherweise
das Schwefelsäureanhydrid, S0 3 , bezeichnet,
das entweder nach dem Verfahren von
Winkler oder durch gelindes Erhitzen von rauchender
S. und Auffangen der Dämpfe in einer
gut gekühlten Vorlage gewonnen wird. Es stellt
lange, farblose, schon bei 15 0 schmelzende Prismen
dar und kommt in eisernen Trommeln
von 50 kg Inhalt als 98—gpo/oige Ware in den
Handel. Das Schwefelsäureanhydrid findet in
der wissenschaftlichen und technischen Chemie
ausgedehnte Verwendung. — Die rohe, gewöhnliche
oder englische S. (lat. Acidum
sulfuriccum crudum seu anglicum, frz. Aeide sulfurique,
engl. Sulfuric acid), die nach dem Bleikammerprozeß
dargestellte S., bildet eine klare,
farblose oder schwach gelbliche, ölige Flüssigkeit
vom spez. Gew. 1,830—1,833, entsprechend
einem Gehalte von 92—93 °/o S., die in der
Hauptsache durch Arsen und Blei, manchmal
aber auch durch Salpetersäure und Oxyde des
Stickstoffs verunreinigt ist. Ihre Verwendung
ist außerordentlich vielseitig. Die größten Mengen
werden von den Sodafabriken gebraucht;
ferner dient sie zur Gewinnung von Salpetersäure,
Phosphorsäure, Chromsäure, Weinsäure,
Essigsäure und Zitronensäure und zur Herstellung
von Superphosphaten aus Knochenmehl, Apatit,
Phosphoriten und Guano. Weiter gebraucht man
sie zur Bereitung von Äther und Essigäther, von
schwefelsaurer Tonerde, Alaun, Kupfervitriol,
Zinkvitriol, in Stärkezucker-, Stearinkerzen- und
Mineralwasserfabriken sowie Affinieranstalten.
Auch zur Herstellung von Teerfarben, zum Raffinieren
von Ölen, zum Reinigen des Petroleums,
zur Darstellung von Pergamentpapier, Schießbaumwolle
und Nitroglyzerin finden erhebliche
Mengen S. Verwendung. Die Aufbewahrung
der englischen S. hat ebenso wie bei der rauchenden
S. in starken Glasgefäßen mit Glasstopfen
zu erfolgen. Bei letzterer ist aber noch besonders
darauf zu achten, daß in dem Lagerräume die
Temperatur nicht unter o° fällt, da sie sonst
unter Ausdehnung fest wird. — Die reine S.
(lat. Acidum sulfuricum purum seu rectificatum,
frz. Acide sulfurique pur, engl. Pure sulfuric acid)
wird durch Destillation der vom Arsen befreiten
englischen S. aus Glasretorten dargestellt und
bildet eine färb- und geruchlose, ölige Flüssigkeit
vom spez. Gew. 1,836—1,840, entsprechend
einem Gehalte von 94—98 % S. Die Prüfung auf
Reinheit hat sich vorzugsweise auf einen etwaigen
Gehalt an Arsen, Blei, schwefliger Säure
und Salpetersäure zu erstrecken. In zweiter
Linie kommen andere Metalle, Salzsäure und
Oxyde des Stickstoffs in Betracht. Die reine S.
dient zu medizinischen Zwecken, zur Herstellung
reiner Sulfate und als Reagens der chemischen
Laboratorien. — Die verdünnte S. des D. A. B.
endlich (lat. Acidum sulfuricum dilutum), eint
Mischung aüs fünf Teilen Wasser und einem Teil
reiner S„ besitzt das spez. Gew. 1,112 und wird
medizinisch verwandt. Rohe verdünnte S. findet
als Putzmittel für Kupfer, Messing und Zink
Anwendung. — Die Menge der im Deutschen
Reiche hergestellten S. hat in den letzten Jahrzehnten
eine gewaltige Zunahme erfahren und