Full text : Merck's Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe

Terpentin

den  Balsamen  gehören  und  erst  beim  Eintrocknen ­
  unter  Verlust  der  flüchtigen  Stoffe  in  Harz
(s.  Ficbtenharz)  übergehen.  Zur  Gewinnung  der
zwischen  Holz  und  Rinde  öderen  besonderen
Hohlräumen  gebildeten  Ausscheidungen  macht
man  entweder  durch  die  Rinde  senkrechte  rinnenartige
  Einschnitte,  an  deren  unterem  Ende  die
Masse  in  besonderen  Vertiefungen  oder  untergestellten
  Gefäßen  aufgefangen  wird,  oder  man
bohrt  die  Stämme  an  und  läßt  aus  den  mit
Pfropfen  verschlossenen  Löchern  von  Zeit  zu
Zeit  den  Balsam  ausfließen.  Das  Anhauen  oder
Anbohren,  der  Bäume  erfolgt  im  Frühjahr,  das
Ausfließen  dauert  bis  in  den  Herbst,  und  zwar
am  reichlichsten  bei  der  Sonne  ausgesetzten
Bäumen  mit  dicker  Rinde.  Die  gesammelten,
oft  durch  Erde  oder  Sand,  Nadeln  und  Rinden-Stückchen
  verunreinigten  Massen  werden  durch
Schmelzen  bei  gelindem  Feuer  verflüssigt,  durch
grobe  Tücher  oder  eine  Strohschicht  geseiht  und
auf  Fässer  gefüllt.  In  den  Vereinigten  Staaten
setzt  man  sie  einfach  in  Fässern  mit  durchlöchertem ­
  Boden  der  Sonnenwärme  aus,  worauf  der
reine  T.  von  selbst  abtropft.  Auch  in  Frankreich ­
  wird  T.  auf  diese  Weise  gereinigt  und  Pate
de  tdrdbenthine  au  soleil,  als  dickflüssige,  oder
ä  la  chaudiere,  als  dünnflüssige  Sorte,  genannt.
—  Die  Terpentine  sind  honigdicke,  sehr  zähflüssige, ­
  je  nach  der  Herkunft  klare  oder  trübe,
aromatisch  riechende  und  schmeckende  Massen,
die,  obschon  im  allgemeinen  von  gleicher  Zusammensetzung, ­
  doch  in  Konsistenz,  Färbung,
Geruch  und  Ölgehalt  Abweichungen  zeigen  und
nach  den.  Ursprungsländern  in  folgende  Handelssorten ­
  unterschieden  werden:  i.  Der  gewöhnliche, ­
  gemeine  oder  deutsche  T.  (lat.
Terebinthina  communis),  hauptsächlich  von  Pinus
  Laricio,  seltener  von  der  Weiß-  und
Rottanne,  ist  von  zäher,  etwas  körniger  Konsistenz, ­
  gelblichweiß  gefärbt  und  trübe  sowie  von
stark  harzigem  Geruch  und  bitterlich  gewürzhaftem
  Geschmack.  Französischen  T.  nennt
man  besonders  die  Abscheidung  der  Seestrandkiefern ­
  (Pinus  maritima  und  P.  pinaster),
die  in  verschiedenen  Gegenden  Südfrankreichs
Wälder  bilden.  Er  ist  dünnflüssiger  und  feiner
Und  von  angenehmem  Geruch.  Amerikanischer ­
  T.  von  Pinus  palustris  unterscheidet
sich  vom  gewöhnlichen  nicht  wesentlich  und
fallt  daher  in  dieselbe  Gruppe.  -—  2.  Die  beste
Sorte  des  Terpentins  ist  der  venetianische
oder  Lärchen-T.  (lat.  Terebinthina  veneta,  frz.
Tdrdbenthine  de  Vdnise ;  engl.  Venetian  turpentine),
  der  hauptsächlich  in  Tirol,  Kärnten,  Steiermark ­
  und  weiter  östlich  bis  nach  Ungarn  von  der
Lärche,  Larix  decidua,  gewonnen  wird.  Doch
gibt  es  auch  in  der  Provence  Lärchenwälder,  die
echten  venetianischen  T.  liefern.  Die  dickflüssige, ­
  klebrige,  ziemlich  durchsichtige  Masse  ist
nur  schwach  gelblich  gefärbt  und  stark  fadenziehend ­
  und  besitzt  einen  harzig  gewürzhaften,
etwas  zitronenartigen  Geruch.  —  3.  Nordamerika
erzeugt  die  feinste  aller  Terpentinarten,  den
kanadischen  Terpentin  (s.  Kanadabalsam).
—  4.  Österreichischer  T.  (lat.  Terebinthina
austriaca,  frz.  Teröbenthine  autrichienne,  engl.
Austria  turpentine)  wird  von  Pinus  Laricio
gewonnen  und  aus  Niederösterreich  in  sog.  Lägeln,
  kleinen  ovalen  Fässern,  versandt.  —  5.  ItaTerpentinöl ­



lienischer  T.  (lat.  Terebinthina  italica,  frz.
Täröbenthine  italienne,  engl.  Italia  turpentine)
ist  von  derselben  Abstammung  wie  der  venetianische ­
  T„  aber  dunkler  an  Farbe.  Die  sonst  noch
vorkommenden  T„  wie  ungarischer  und  zyprischer ­
  T.  von  Pistacia  terebinthina,
haben  wenig  Bedeutung.  —  Terpentin  dient
hauptsächlich  dazu,  Harze  weicher  und  geschmeidiger ­
  zu  machen,  und  wird  daher  als  Zusatz  für
Siegellacke,  Harzfirnisse,  Lacke,  Kitte  und  Atzgründe
  verwandt.  Zur  Herstellung  von,  Lack
kann  nur  die  wasserfreie  Venetianer  Sorte  benutze
werden;  da  sonst  trübe  Lacke  entstehen.  Sie
verbrennt  im  Gegensätze  zu  dem  gewöhnlichen
wasserhaltigen  T.  ohne  prasselndes  Geräusch.
Weiter  wird  T.  als  Zusatz  zu  Salben,  Pflastern
und  Hufkitt  sowie  in  der  Medizin  viel  verwandt.
Auch  bildet  er  den  Rohstoff  zur  Darstellung  des
Terpentinöls,  des  Kolophoniums  und  des
Isoprens  (für  Kautschuksynthese).
Terpentinöl  (Terpentingeist,  lat.  Oleum
terebinthinae,  frz.  Essence  de  töröbenthine,  engl.
Turpentine  oil)  wird  in  der  Weise  gewonnen,  daß
man  Terpentin  mit  Wasser  aus  eisernen  Blasen
destilliert,  wobei  als  Rückstand  gekochter  Terpentin ­
  (lat.  Terebinthina  cocta,  s.  Resina  pind,
frz.  Rösine  jaune,  engl.  Burgundy  pitch)  oder
nach  völligem  Austreiben  des  Wassers  Kolophonium ­
  (s.d.)  hinterbleibt.  Das  übergegangene
Öl  wird  nach  erfolgter  Schichtentrennung  von
dem  Wasser  abgelassen  und  zur  Entfernung  mitgerissener ­
  Farbstoffe,  Harze  und  Säuren  (Ameisensäure) ­
  nochmals  mit  Wasser  und  etwas  Kalk  destilliert. ­
  Es  erscheint  dann  als  eine  farblose,
leichte  und  leichtflüchtige,  stark  riechende  und
brennend  schmeckende  Flüssigkeit,  die  mit  rußender ­
  Flamme  brennt  und  in  Äther,  Chloroform,
Schwefelkohlenstoff,  Petroläther  und  5—10  Teilen
90°/oigen  Alkohols,  nicht  aber  in  Wasser  löslich
ist.  Das  spez.  Gew.  beträgt  0,860—0,877,  die
Siedetemperatur  155—165°.  Französisches  T.
ist  stark  linksdrehend,  amerikanisches  rechtsdrehend, ­
  nur  ganz  vereinzelt  finden  sich  schwach
linksdrehende  Öle.  Beide  im  übrigengleichwertigen ­
  Öle  bestehen  aus  Gemischen  isomerer  Terpene ­
  (zum  allergrößten  Teil  Pinen),  die  in  flachen
Gefäßen  an  der  Luft  nur  teilweise  verdunsten  und
einen  durch  Sauerstoffaufnahme  veränderten  Rest
(Dicköl  der  Porzellanmaler)  hinterlassen,
schließlich  aber  zu  einem  harten  durchsichtigen
Firnis  eintrocknen  (verharzen).  Auf  dieser  Eigenschaft ­
  beruht  die  Verwendung  des  T.  als  Bindemittel ­
  für  Farben.  T.  löst  die  meisten  Harze,
auch  Kautschuk,  Schwefel  und  Phosphor,  mischt
sich  mit  ätherischen  und  fetten  Ölen  und  Firnis
und  wird  daher  vielfach  in  der  Technik,  besonders ­
  zur  Herstellung  von  Lacken,  zum  Verdünnen ­
  von  Ölfarben  und  leider  zum  Verfälschen
ätherischer  Öle  benutzt.  Weiter  dient  es  zur  Entfernung ­
  von  Fettflecken  und  zum  Bleichen  solcher ­
  Stoffe,  die  Chlor  nicht  vertragen,  z.  B.  Elfenbein. ­
  In  der  Medizin  wird  es  zu  reizenden  und
zerteilenden  Einreibungen  sowie  bisweilen  tropfenweise ­
  innerlich  verordnet.  Als  Verfälschungsmittel ­
  hat  man  besonders  höher  siedende  Petroleumdestillate, ­
  Harz-  und  Kampferöle  beobachtet,
die  sogar  als  selbständige  Waren  unter  dem
Namen  künstliches  oder  Patent-T.  (Larixolin,
  Paintojl)  im  Handel  erscheinen  und

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