Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 229
ward“. So ist ihre Absicht auch schon erreicht, wenn sie leb⸗
haft und glaubwürdig erzählt — und das ist ihr trotz
mangelnder dramatischer Fähigkeiten auch in der Form des
Dramas zumeist gelungen. Denn obwohl ihr die Gesetze der
dramatischen Psychologie verschlossen sind, weiß sie, eine echte
Dichterin, doch Seelenbewegungen natürlich zu schildern, ver—
steht sie, leidenschaftliche Stimmungen mit all der psychischen
Naivetät ihrer Zeit volkstümlich zu malen, und übertrifft in der
Motivierung nicht selten die triviale Manier ihrer Vorlagen.
Aber das sind Vorzüge, die sich in ihren Legenden nicht
minder geltend machen: auch hier liebt sie spannende, teilweise
der Gegenwart entnommene Stoffe, wählt Vorwürfe, die
dem Frauenherzen — und für Frauen zunächst schreibt sie —
besonders nahegehen, wie das Problem der unter allen Um—
ständen zu bewahrenden Keuschheit oder — im Theophilus —
das Problem der Faustsage in ihrer ältesten Form, und fesselt
durch glänzend belebte Darstellung.
Nach vielen Richtungen bezeichnen die Werke der Nonne
von Gandersheim den Zenith der ottonischen Renaissance,
und zweifellos stellen sie die reinste Verkörperung des antiken
Geistes in der deutschen Entwicklung des 10. Jahrhunderts dar.
Denn späterhin begann die lateinische Dichtung dem germa—
nischen Wesen immer größere Zugeständnisse zu machen, bis sie
schließlich mit dem Beginn des großen Zeitalters der nationalen
Dichtung unter den Staufern in ihm ersterbend aufging.
Sieht man von der christlichen Hymnik ab, jener Passions⸗
blume, die, dem Blute Christi entsprossen, fast keinerlei rein
klassische Anregungen mehr in sich aufnahm, so spielen auch die
anderen Gattungen der lateinischen Dichtung inhaltlich gar
hald ins Volksmäßige über. Die Tiersage wird populär ver—
arbeitet; heimische Novellen und Legenden tauchen auf; wie im
Waltharilied schon früh eine gänzlich germanische Sage, so
wird später im Ruodlieb ein wohl wenigstens teilweise deutscher
Stoff in lateinische Fassung gebracht. Durchweg aber über—
wiegt, der nationalen Stimmung entsprechend, das Epische, und
die lateinische Form der Epik folgt immer mehr den deutschen