Full text : Graf Georg Kankrin in nationalökonomischer und finanzwirtschaftlicher Beziehung

kein  wissenschaftlicher  Kopf  war.  Es  ist  für  ihn  die  Vielseitigkeit ­
  bezeichnend,  mit  der  er  paradierte.  So  umfasste
sein  akademischer  Lehrkursus  binnen  zwei  Semestern  in
wöchentlich  24  Stunden:  Landwirtschaftslehre,  Technologie,
Handelswissenschaft,  Forstwissenschaft,  Bergbaukunde,
Staatswirtschaftslehre,  Polizei-  und  Finanzwissenschaft  in
mehreren  Abteilungen.  Und  die  Lehrbücher,  die  er  geschrieben
hat,  sind  sehr  zahlreich.  So  schrieb  er  über  Landwirtschaft,
Fabrikwesen,  Handel,  Finanzen,  Kameralrechnungswesen,
Vieharzneikunde,  die  er  freilich  später  selbst  für  unreif  erklärt ­
  hat,  dann  ein  Lehrbuch  der  Finanzwissenschaft,  Grundlehre ­
  der  Staatswirtschaft,  ein  Elementarbuch  für  Regentensöhne ­
  und  alle,  die  sich  »dem  Dienste  des  Staates  und  der
Gelehrsamkeit  widmen  wollen«. 1 )
Hier  wird  wohl  auch  eine  vom  Grafen  Al.  Keyserling
erzählte  Äußerung  G.  Kankrins,  als  derselbe  schon  Minister
war,  einigermaßen  verständlich  sein.  »Als  er  z.  B.  —  erzählt
Graf  Al.  Keyserling  —  gelegentlich  auf  einem  Spaziergange
überraschende  landwirtschaftliche  Kenntnisse  entwickelte  und
gefragt  wurde,  »woher  wissen  sie  alle  diese  Details?«,  antwortete ­
  er,  die  Hände  in  die  Seite  gestützt:  »Fragen  Sie
mich,  was  ich  nicht  weiß!« 2 )  Das  war  freilich  scherzweise
gesagt,  ist  aber  jedenfalls  ein  Charakteristikum  für  den  Schüler
des  »allseitigen«  Lehrers.  Wir  wissen  denn,  daß  auch  G.
Kankrin  später  in  russischen  Diensten  auf  verschiedenen
Gebieten,  bevor  er  General-Intendant  und  dann  Minister
wurde,  tätig  war,  so  z.  B.  im  Salz-  und  Forstwesen;  es  ist
auch  sein  Projekt  über  die  Schafzucht  bekannt,  von  dem
weiter  unten  die  Rede  sein  wird.
Um  die  Vielseitigkeit  unseres  Lehrers  darzulegen,  dürfen
wir  nicht  unerwähnt  lassen,  daß  er  auch  auf  dem  religiösen
Gebiet  tätig  war.  »Seine  Geisterkunde  —  sagt  Roscher 1 )  —
ist  eine  wüste,  sogar  langweilige  Theorie  des  Aberglaubens,
aber  seine  »Scenen  aus  dem  Geisterreiche«  —  meint  der’) ­

  Roscher,  552.  —  2 )  Keys.  32.
            
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