105
miseheD Tableau war nämlich völlig berechtigt und ist noch
heut eine unerfüllte Forderung der Wissenschaft.
4. Was das ökonomische Abbild der Verhältnisse der Pro
duction und Vertheilung bei Quesnay selbst zu bedeuten habe»
lässt sich nur angeben, wenn man zuvor die ihm eigenthüm-
lichen leitenden Begriffe von der Erzeugung der Reichthümer
genau untersucht. Dies ist um so nöthiger, als die einschla
genden Vorstellungen bisher in einer so schwankenden Unbe
stimmtheit wiedergegeben worden sind, dass man selbst aus
besseren Berichten, wie z. B. demjenigen Adam Smiths, ihre
wesentlichen Züge nicht gehörig zu erkennen vermochte. Ueber-
dies machen diese Begriffe die ganze Originalität Quesnays
und zugleich der gesammten Physiokratie aus, und man würde
daher der Sache einen schlechten Dienst leisten, wenn man
für diese Grundanschauungen die herkömmliche leichtfertige
Berichterstattung gelten Hesse. Das Nettoproduct (produit net)
ist bei dem Urheber des physiokratischen Systems ein so
wichtiges Begriffsgebilde, dass man behaupten kann, dasselbe
sei der Angelpunkt der ganzen Anschauungsweise.
Zunächst erscheint diese Vorstellung in Gestalt der Vor
aussetzung einer einzigen productiven Classe, nämlich derjenigen,
Welche die Ackerbauarbeit verrichtet. Zu derselben werden die
Eigenthümer als solche nicht gerechnet, da dieselben wesent
lich nur als Einstreicher der Pacht in Frage kommen. Pächter,
eigentliche Arbeiter und überhaupt Alle, welche thatsächlich
an der Landwirthschaft mit der Einsetzung ihrer Arbeit thei
nehmen, gehören hienach zur productiven Classe. Sie sind a er
nur darum productiv, weil sie mehr hervorbringen, als sie
Während ihrer Thätigkeit verzehren. Nur die Bodenbearbeitung
soll nach Quesnay die Eigenschaft haben, ein Ergebniss zu
liefern, welches mehr enthält, als die blosse Wiedererzeugung
des inzwischen Verbrauchten. Dieses Mehr oder dieser Ueber-
schuss ist das Nettoproduct oder der Reinertrag im physiokra-
tisch technischen Sinne dieses Worts. Man würde nun aber
irren, wenn man bei dieser Vorstellung eine Naturalbetrach
tung des Verhältnisses voraussetzte und sich den Gedanken in
seiner natürlichen Einfachheit construirte, ohne sich an dem
Leitfaden der Geldwerthe zu bewegen. Eine solche Idee lag
der Denkweise Quesnays noch fern. Ihm erschien es als selbst
verständlich, dass man den Ertrag von vornherein als einen