fullscreen: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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meinde von seiten der Privat-Gesellschasten zu verhindern, wird von Kirsch 
mit Recht als em Sieg des 1884 von den Vertretern der Bourgeoisie als 
Wahnidee hingestellten Munizipalsozialismus über das Manchestertum 
auf dem Gebiete des Verkehrswesens bezeichnet. 
Mit Erfolg hat die Sozialdemokratie ferner in der Frage der Schul 
gesundheitspflege und der Beschützung der Kinder gegen Ausbeutung außer 
halb der Schulzeit gewirkt. Zwar sind ihre Forderungen, wie die An 
stellung von Schulärzten und die Speisung von Schulkindern, 
nur erst teilweise verwirklicht, aber jedenfalls hat auch hierbei die sozial 
demokratische „Wahnidee" sich als durchführbar und segensreich erwiesen. 
Es würde kaum der Erwähnung bedürfen, daß die sozialdemokratischen 
Gemeindevertreter die ganze Zeit über unablässig dafür gearbeitet haben, 
daß die Stadt gegenüber den von ihr beschäftigten Arbeitern in bezug auf 
Löhne, Arbeitszeit, Rechtslage, Pensionierung und Erholungsurlaub Muster 
gültiges leiste, wenn nicht auch dies Bestreben ewiger Kampf mit einer 
gegen die geringsten Zugeständnisse verstockt sich wehrenden Mehrheit ge 
heißen hätte. Dinge, die anderwärts längst verwirklicht waren, begegneten hier 
selbst dann noch der schroffsten Weigerung, wenn die Mittel des Gemein 
wesens in keiner Weise in Frage kamen, also auch die Rücksicht auf sie weder 
Grund noch Vorwand für die Ablehnung bilden konnte. Es war das innere 
Widerstreben gegen jede Leraushebung der Arbeiterklasse aus der Ab 
hängigkeit von den Konkurrenzgesetzen, was in erster Linie die Ablehnung 
der sozialdemokratischen Vorschläge bestimmte. Bei fast jedem dieser An 
träge marschierte denn auch das Schreckgespenst des sozialdemokratischen 
Zukunftsstaates auf, dem man unrettbar zutreibe, wenn solche Dinge ge 
nehmigt würden. Mindestlöhne waren Zukunftsstaat, der neunstündige 
Arbeitstag war Zukunftsstaat, mit wirklichen Rechten ausgestattete Arbeiter 
ausschüsse waren Zukunstsstaat — kurz, alles was im städtischen Arbester 
den Gedanken erwecken konnte, daß der Druck der Gesetze des Arbeitsmarkts 
die einzige zulässige Instanz für sein Wohl und Wehe sei, war Zukunfts 
staat. And ebenso war es Zukunstsstaat, durch die gerechte Lohnklausel bei 
Verdingungen für die indirekt von der Stadt beschäftigten Arbeiter an 
ständige Bezahlung und Behandlung sicherzustellen. Indes, so krampfhaft 
sich die Mehrheit auf diese „Prinzipien" versteift, so hat sie sich schließlich 
doch bequemen müssen, in der Frage der Mindestlöhne, des Maximal 
arbeitstages, der Demokratisierung der Arbeitsausschüsse usw. einige Stufen 
von der hohen Leiter herabzusteigen. Auch hier sind Zugeständnisse er 
kämpft worden, die materielle und rechtliche Verbesserungen in der Lage der 
städtischen Arbeiter bedeuten. 
Damit mag der Äberblick über das Wirken der sozialdemokratischen 
Gemeindevertreter Berlins seinen Abschluß haben. Aus naheliegenden 
Gründen erscheint es nicht angezeigt, auf die Verdienste der einzelnen Mit 
glieder besonders einzugehen. Gewiß sind Leistungen zu verzeichnen, für 
die das Beiwort ungewöhnlich passen würde, einige Mitglieder haben mehr 
Zeit, Talent und Sachkenntnis der kommunalen Arbeit widmen können als 
andere, und es wäre kleinliche Versteckspielerei, zu verschweigen, daß Paul 
Singer nicht nur das einzige Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion im 
Berliner Rathaus ist, das ihr von Anfang an angehört hat, sondern auch 
die ganze Zeit über der Führer der Frastion gewesen ist, dessen sachkundiges
	        
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