§ 1. Heimarbeitausftellungen 229
unterbrochenen und unregelmäßig betriebenen Arbeit meiftens felbft nicht,
wieviel Zeit er auf ein Produkt verwende. Außerdem fpiele die bei Heimarbeitern
ganz verfchiedene und fchwer kontrollierbare Arbeitsintenfität bei der Berech-
nung des Stundenlohnes eine große Rolle. Gegenüber dem Stundenlohn des
in regelmäßiger Zeitdauer beschäftigten Fabrikarbeiters begegnet freilich die
Berechnung des Stundenlohnes beim Heimarbeiter gewijjen Schwierigkeiten.
Im Individualfalle kann der herausgerechnete Stundenlohn ein anormales,
unterdurchschnittliches Bild ergeben. Aber die Mängel der Individualftunden-
löhne werden ausgeglichen durch die große Zahl der unterfuchten Fälle aus
dem gleichen geographifchen und wirtfchaftlichen Gebiete. Bei dem nach-
gewiefenen Streben der Ausstellungen, durch eine Häufung der Fälle den
Normaltypus zu ermitteln, darf man ficher fein, einen Durchfchnittsftunden-
lohn vor fich zu fehen. Anderfeits wäre der Verzicht auf die Angabe des Stun
denlohnes und die bloße Stücklohnberechnung für die Beurteilung der Sozialen
Lage des Heimarbeiters abfolut unbrauchbar.
Den tiefen Eindruck, den ein auch oberflächlicher Blick auf das Lohn-
niveaubei den Befuchern der Ausftellung macht, fucht man noch zu verftärken
durch photographifche Darftellungen aus dem Ar
beit s 1 e b e n der Heimarbeiter. In Berlin fchon hatte man die Photographie
zu Hilfe genommen, mehr aber noch in London, Frankfurt, Zürich ufw. Nun
können ja freilich zuweilen vom Photographen Momente feftgehalten werden,
die auf die traurige Lage des Heimarbeiters ein grelles Licht werfen; z. B. das
Bild der mit Schweren Ballen beladenen Konfektionsfehneider, die an einem
regnerifchen Ablieferungstage maffenweife auf dem Afchaffenburger Bahn
hof eintreffen, wird jedem Befucher der Frankfurter Ausftellung unvergeßlich
fein. Aber gewöhnlich zeigen die Photographien bei weitem nicht alles, was die
wirtfchaftliche Lage der Heimarbeiter fo drückend macht, ja fie laffen diefe
meiftens in einem beffern Lichte erfcheinen. Interieuraufnahmen täufchen
zunächft über die Raumverhältniffe, die gewöhnlich bedeutend erweitert er
fcheinen. Wir fehen auf der Photographie helle Räume, gemütlich aus fehende
Wohnftuben; von der Schlechten Luft, von der unhygienifchen Lage des Wohn-
raumes erfahren wir aber ebenfowenig wie von den niedrigen Löhnen und der
Unterernährung des Heimarbeiters. Die Photographie läßt nicht feiten die
Heimarbeit als ein liebliches Idyll erfcheinen, das fich hübfeh in das Volks
leben einfügt, während doch längft der romantifche Zauber, der einft die um
den Herd fitzende, mit Hausfleiß befchäftigte Familie umwob, vor den Tat
fachen zerftoben ift. Hinfichtlich der wirtfchaftlichen Lage der Heimarbeiter
ift die Photographie meiftens das, was fie auf andern Lebensgebieten zuweilen
ift, „eine feine Lügnerin“.