Wirtschaftliches Organisationswesen., 155
Unterbau unserer Friedenswirtschaft nicht gestattet hätte. Durchweg
alles, was an Kriegsgesellschaften in Eile, oft in Übereile aufgebaut
wurde, hat sich auf vorhandene Kartelle gestützt oder ihren recht-
lichen und wirtschaftlichen Wesenskern zum Muster genommen.
W. Troeltsch") behauptet jedem, der die Verhältnisse aktiv mit-
erlebte, nicht zuviel, wenn er betont: „Wie es hätte sein können ohne
die Kartelle, das zeigen die Erscheinungen auf dem Lebensmittel- und
Ledermarkt, auf dem Metallmarkt und sonst in vielen Geschäfts-
zweigen, denen eine den Markt beherrschende Kartellierung der Produ-
zenten oder eine Bindung des Handels fehlte. . . . Daß Deutschland ...
als einziger größerer Staat auf ein Moratorium verzichten konnte ...
das danken wir gewiß nicht allein, aber doch recht wesentlich dieser
Friedensorganisation unserer Industrie.‘ Schöpferisch hat der Krieg auf
dem Organisationsgebiete insofern und insoweit gewirkt, als der immer
breiter ausgeübte Zwang auch solche Industriekreise einspannte, die aus
den oben angedeuteten Gründen freiwilligem Zusammenschlusse wider-
strebten. So wurde der Boden für eine neue Kartellära vorbereitet, die
dann materiell durch die schweren wirtschaftlichen Folgen des Zu-
sammenbruches noch erheblich gefördert wurde.
Allerdings setzte gleichzeitig auch eine sehr starke Gegenströmung
namentlich in schwerindustriellen Kreisen ein, die im Kriege selbst und
durch Entschädigungen für Verluste in den abgetretenen Gebieten
kapitalkräftig geblieben waren und für den Wiederaufbau der beengen-
den Kartellfesseln ledig sein wollten. Bestimmend war ihnen ferner
eine vielfach begreifliche Antipathie gegen das kriegsmäßige Übermaß
von Organisationszwang und die Sorge, daß die Sozialisierungsbestre-
bungen mit allem Drum und Dran die staatliche Bevormundung in wenig
veränderten Formen fortsetzen könnten.
Wirtschaftspolitisch aber leiteten die kartellfeindlichen Führer der
Industrie ihre Reformideen aus ähnlichen Gedankengängen her, wie sie
ein Jahrhundert zuvor den Stein-Hardenbersschen Reformen der weit-
gehenden Gewerbefreiheit zugrunde gelegen hatten.
Sie sahen die Grundlagen des Wiederaufbaues angesichts der
materiellen, vorübergehenden und dauernden, Verluste an wirtschaftlich
vielfach unersetzlichen Werten in einer weitgehenden Umstellung der
Wirtschaft, deren Voraussetzung, eine scharfe Konkurrenzauslese, die
Kräftigsten an die Oberfläche bringen sollte, Für ein solches Programm
mußte die kapitalistische Großunternehmung, der vertikale Aufbau
großer Industriekonzerne, allerdings allein geeignet erscheinen. Und der
") „Die deutschen Industriekartelle vor und seit dem Kriege“, Essen 1916,
Baedeker S. 39/41.