Object: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

seine finanziellen Probleme hätte lösen können und auch jetzt noch lösen 
könnte, und wenn man die Unsicherheit der parlamentarischen Maßnahmen 
erkennt, muß man zugeben, daß Kritik vielfach berechtigt ist. Aber Kritik 
allein vermag keine Schwierigkeiten zu lösen. 
Frankreich hatte 1830 ein Budget von eintausendundfünfundneunzig Mil- 
lionen und 1860 von zweitausendundvierundachtzig Millionen. In Groß- 
britannien betrugen die Staatsausgaben noch am Ende des 19. Jahrhunderts 
einhundertdreiunddreißig Millionen Pfund Sterling. Was sind diese Zahlen 
gegen die heutigen? Sie erreichen bei weitem nicht die Summe der Zinsen 
der Staatsschuld nach dem Kriege! Überall hat der Staat seine Funktionen 
erweitert; überall übt er große industrielle Unternehmungen aus; überall 
wächst seine Tätigkeit von Tag zu Tag. 
Zur Zeit der größten Entwicklung der parlamentarischen Verfassung hatte 
die Wiege des Parlaments, Großbritannien, eine geringe Bevölkerung: Eng- 
land und Wales hatten im Jahre 1688 nur fünf Millionen, im Jahre 1740 
sechs Millionen und 1801 fast neun Millionen Einwohner. Jetzt hat in Europa 
— selbst nach den Verlusten durch die Verträge von 1919 — Rußland mehr 
als einhundertfünfzig Millionen Einwohner, Deutschland mehr als sechzig Mil- 
Jlionen, Großbritannien, Frankreich und Italien mehr als je vierzig Millionen. 
Die komplizierten wirtschaftlichen Verhältnisse, die Erweiterung der 
Staatskosten und der öffentlichen Einrichtungen haben jetzt aber auch im 
den kleineren Staaten eine solche Wichtigkeit erhalten, daß es unmöglich ist, 
die jetzige Lage nach den Kriterien der alten Demokratie zu beurteilen. Die 
Regierung hat zu viel Verantwortung, zu viel Güterverwaltungen, zu viel tech- 
nische Ausführungen zu leisten, als daß sie fortwährend wechseln dürfte 
und als daß die führenden Stellen mit unzulänglichen Ministern besetzt 
werden dürften, 
Der traurigste Anblick in den heutigen europäischen Parlamenten sind 
Männer von geringem Wert, die große Ämter innehaben, deren Bedeutung 
und Umfang sie nicht einmal begreifen, und nichts ist unheilvoller, als die 
in politischen Ursachen begründete rasche Aufeinanderfolge dieser Männer. 
Parteigründe geben zu oft den Ausschlag, und es gibt Minister, die nicht ein- 
mal administrativ, geschweige denn praktisch erfahren sind. Diese Tatsache 
wirkt lähmend auf die öffentlichen Einrichtungen und verursacht eine dau- 
ernde Verschwendung, von anderen Nachteilen zu schweigen. Oft scheinen 
die Maßnahmen der parlamentarischen Regierung zu kostspielig und zu lang- 
sam. Die größten Aktien-Gesellschaften haben, außer den Mitglieder-Ver- 
sammlungen und den Aufsichtsräten, besondere Komitees, die ein rasches 
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