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Wir sehen aus dem Bisherigen, daß die Ausländsanleihen
entweder das Gold oder die Devisen
der Notenbank des Schuldnerstaates zuführen,
oder den Industriellen, Agrariern etc. des
Schuldnerstaates, um ihnen die Beschaffung auswärtiger
Waren zu ermöglichen oder schließlich
Ausländern. Dabei kann auch der Fall Vorkommen,
daß Gelder, welche in Frankreich bezogen wurden,
in England zu Zahlungen dienen. Dies würde
dem Zinsfuß in Paris eine steigende, in London
eine sinkende Tendenz geben. Das insbesondere
von Rußland während des russisch-japanischen
Krieges »befolgte Prinzip, Ausländsanleihen zu
Auslandszahlungen zu verwenden, war bereits
dem 18. Jahrhundert bekannt. Struensee, ein
Minister Friedrich des Großen, schreibt z. B.*:
«Zuletzt bleibt kein ander Hilfsmittel, als
eine auswärtige Anleihe nach richtigen Grundsätzen
zu unternehmen. Es wäre also immer unschädlicher
und mit geringerem Verluste verbunden
gewesen, wenn man sogleich das Geld
zu den erforderlichen Ausgaben in der Fremde
aufgenommen hätte. Alsdann wäre wenigstens
der Verlust aus dem nachteiligen Wechselpreise
ganz weggefallen. . . . Jeder sieht sogleich ein,
daß man in der Fremde nur mit dem Gelde der
t Welt, nicht mit Landesmünze bezahlen kann. In
der Welt gibt es aber gar kein ander Geld als
Gold und Silber, wogegen die Landesmünze ohne
allen Nachteil Papier sein kann.»
Wenn ein Staat in einem anderen eine Anleihe
aufnimmt, so sind die Gläubiger Bankiers
oder sonstige Privatleute; dennoch muß mit der
Regierung dieser Geldgeber verhandelt werden,
weil Anleihen als ein Politikum angesehen
werden. Die Regierung kann dabei intervenieren,
indem sie auf die Bankiers einwirkt, sie kann
aber auch der Anleihe die Notierung an der
Börse verweigern, was den Absatz überaus reduziert.
Wie solche Verhandlungen durchgeführt
werden, konnten wir in der letzten Zeit mehrfach
beobachten. Ich erinnere nur daran, wie
der ungarischen Anleihe der Pariser Markt
verschlossen wurde, weil man in Frankreich
die Rüstungen des Dreibundes nicht, unterstützen
wollte. Bekannt sind auch die Verhandlungen
welche China wegen derFünfmächteanleihe führen
mußte, bei denen die Politik keine geringe Rolle
spielte. Die Geldmärkte sind nicht frei miteinander
kommunizierende Gefäße, wie man sich das zuweilen
denkt. Es kann ganz gut in einem Lande
der Zinsfuß hoch, im anderen niedrig sein, und
dennoch strömt das Geld nicht in entsprechender
Menge vom Markte mit niedrigem Zinsfuß zum
Markte mit hohem Zinsfuß hin, wenn die politische
Spannung zwischen den beiden Ländern
erheblich ist. Der Zinsfuß kann z. B. hoch sein,
* Struensee. Abhandlungen über wichtige Gegenstände
der Staatswirtschaft. I. Bd. S. 423. «Lieber die
Mittel eines Staates bei außerordentlichen Bedürfnissen,
besonders in Kriegszeiten, Geld zu erhalten.»
weil der Gläubigerstaat dem kreditsuchenden
Staat nicht entgegenkommen will. Umgekehrt
kann ein Staat Geld billig bekommen, weil der
Gläubigerstaat dessen Absichten fördern will. Der
Gläubigerstaat kann sich dabei gewisse Rechte
ausbedingen, die politisch von größter Bedeutung
sind. Es kommt übrigens nicht nur auf die Rechte
an, sondern auch auf mannigfache tatsächliche
Beziehungen. Der Dreibund entstand zum Teil,
weil Bismarck die Entstehung eines französischrussischen
Bündnisses voraussah. Das Ergebnis
des französisch-russischen Bündnisses war, daß
Rußland vom deutschen Markte erheblich unabhängig
wurde. Rußland hat eine Art Anleihenallianz
geschlossen. Dafür haben sich die Franzosen
mehrfach um russische innere Angelegenheiten gekümmert,
insbesondere haben sie die militärischen
Vorkehrungen gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn
einer Inspektion unterworfen. Hat doch
Rußland einen Teil der Anleihen nur deshalb zu
günstigen Bedingungen bekommen, weil Frankreich
durch die Kreditgewährung gewissermaßen
gegen Deutschland rüstet. Ebenso, wie der befreundete
Staat die Aufnahme einer Anleihe fördert,
ebenso erschwert sie der politisch abgeneigte.
Als Rußland 1906 in Deutschland eine Anleihe
aufnehmen wollte, erklärte die deutsche Regierung
dem Berliner Bankhaus, welches die Sache
machen sollte, daß sie diese Anleihe nicht für
angezeigt halte. Als aber bekannt wurde, daß
einige Banken durch Strohmänner und auf Umwegen
an der russischen Anleihe partizipieren
wollten, die in Frankreich aufgenommen wurde,
da setzte die deutsche Regierung ihre Autorität
dafür ein, daß dies unterblieb. Die Banken sind
in mehr als einer Richtung von den Regierungenabhängig,
so daß sie einen Wunsch derselben, wenn
er mit genügendem Nachdruck vorgebracht wird,
zu respektieren pflegen.
Wir sehen, daß die Regierungen in erheblichem
Ausmaß die Geld- und Kreditbewegungen
beeinflussen können. Man darf aber diese Beeinflussungsmöglichkeit
wieder nicht überschätzen.
So wurde z. B. der russisch-japanische Krieg von
russischer Seite zum Teil mit japanischem Gelde
geführt. Die Japaner hatten eine Schuld an die
Vereinigten Staaten abzuzahlen. Die Vereinigten
Staaten dagegen hatten an Frankreich eine Quote
zu zahlen, die aus der Uebernahme des Panamakanals
herrührte. Als diese Gelder in Paris ankamen,
wurde eben die russische Anleihe begeben,
die so einen günstigen Absatz fand. Es wäre
sehr lehrreich, die Möglichkeiten übersichtlich
zusammenzustellen, welche einem Staat zur Verfügung
stehen, um den Kreditmarkt zu beeinflussen.
Wir haben erwähnt, daß ein Staat seine
Bürger verhindern kann, einem anderen Staat etwas
zu leihen. Es kann auch der umgekehrte Fall Vorkommen.
Der Staat kann seine Bürger verhindern,
aus dem Auslande in irgend einer Form
Geld für Betriebe hereinzubringen. In den Neunzigerjahren
des XIX. Jahrhunderts verbot die