Full text : Wissenschaftlicher Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Bolschewismus

klingen  und  zur  Widerlegung  des  historischen  Materialismus  beigefügt.  Der
überzeugte  katholische,  christgläubige  Bergarbeiter  und  der  freigewerkschaftlich
und  sozialdemokratisch  organisierte  Bergarbeiter  des  Ruhrbezirks  oder  auch
Oberschlesiens  gehört  genau  dem  gleichen  sozialen  Milieu  und  derselben  Umwelt ­
  an,'unter  genau  den  gleichen  ,wirtschaftlichen  Bedingungen  schaffen  Leide
im  Produktionsverhältnis,  ihr  gesellschaftliches  „Sein"  ist  idas  Gleiche,  aber
trotzdem  ist  ihr  „Bewußtsein"  in  jeglicher  Hinsicht  himmelweit  verschieden.
Unmöglich,kann  also,  Me  es  Marx  weint,  ihr  wirtschaftliches  Sein,,  ihr
„Bewußtsein"  schaffen!  Weiter  die  Industriearbeiter  des  vielsprachigen
Oesterreichs  gehören  der  gleichen  sozialeii  Schicht,  nämlich  dem  gewerblichen ­
  Proletariat  an,  diese  Gleichheit  ihrer  LebensLediingUngen  hat  nun
aber  auch  in  Oesterreich  keineswegs  dazu  geführt,  sie  zu  einer  einheitlichen
politischen  Partei  zusammenzuschließen.  Selbst  soweit.sie  dem  Sozialismus
und  der  Sozialdemokratie  zuneigen  und  soweit  sie  nicht  —  was  in  weitem
Umfang  der  Fall  —  den  christlich-sozialen  sich  angeschlossen  haben  —  gibt  es
dort  eine  Reihe  sozialdemokratischer  Parteien  der  verschiedenen  Rationalitäten, ­
  deutsche,  polnische,  ruthenische  Und  tschechische  Sozialdemokraten.  Wie
im  Deutschen  Reich  das  religiöse  Empfindungsleben  die  angeblich  in  letzter
Linie  allein  maßgeblichen  wirtschaftlichen  Bedingungen  überwog,  so  gab
eben  in  Oesterreich  in  letzter  Linie  das  nationale  Moment  und  das  absondernde ­
  Bewußtsein  der  Rassenzusammengehörigkeib  den  Ausschlag.
Und  hart  an  das  Komische  grenzt  es  doch  an,  wenn  Marx,  Engels  und
ihre  Schüler,  insbesondere  Karl  Kautsky,  auch  die  Religion  restlos  auf
die  Einwirkungen  der  jeweiligen  Wirtschaft  und  auf  den  Stand  der  Technik
zurückführen  wollen.  Was  soll  man  beispielsweise  dazu  sagen,  wenn  Engels
in  einem  viel  beachteten  Aufsatz  ip  der  offiziellen  Halbmonatsschrift  der
deutschen  Sozialdemokratie  „Die  neue  Zeit",  Jahrgang  1892/93,  Band  l,
S.  43,  die  Behauptung  aufstellt:  Ealvins  Ansichten  über  die  Gnadenivähl
seien  der  religiöse  Ausdruck  der  Tatsache,  daß  in  der  Handelswelt  der  Konkurrenz ­
  Erfolg  oder  Bankrott  nicht  abhängt  von  der  Tätigkeit  odsr^dem
Geschick  des  EiUzelnen,  sdndern  von  Umständen,  die  von  ihm  Unabhängig
sind.  Mit  vollstem  Recht  sagt  hierzu  der  berühmte  Wiener  Staatsrechtslehrer ­
  Anton  Meng  er  in  seiner  „Reuen  Staatslehre"  (Jena,  1903):  „Wer
die  Geschichte  des  Christentums  kennt,  der  weiß,  daß  jeder  wichtigere  Ausspruch
Christi  oder  der  Apostel  auf  das  religiöse  Bewußtsein  der  Christen  einen
ungleich  größeren  Einfluß  ausgeübt  hat  als  die  gange  wirtschaftliche  Entwickelung." ­
  (S.  290.)  Und  im  Rechtsleben  wie  in  der  Staatengeschichte  spielen ­
  nicht  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  sondern  —  wenigstens  sehr  oft  —
die  realen  Machtfaktoren  die  entscheidende  Rolle.  Hundertfach  in  der  Weltgeschichte ­
  ist  eine  neue  dauernde  Rechtsordnung  durch  gewalttätige  Enteignung ­
  ohne  jede  Entschädigung  begründet  worden.  Heute  noch  wirkt  nach
Jahrhunderten  auf  das  kräftigste  nach  die  Verteilung  des  englischen  Bodens ­
  durch  die  Normannen  unter  Wilhelm  dem  Eroberer  (1066),  die  massenhaften ­
  Konfiskationen  des  Kirchengutes  in  Deutschland  seit  dem  16.
Jahrhundert,  die  Einziehung  eines  großen  Teils  der  böhmischen  Wüter  nach
der  Schlacht  am  Weißen  Berge  (8.  November  1620)  Und  die  Einziehung  der
Nationalgüter  während  der  französischen  Revolution.  Schwerlich  wird  man  in
diesen  weltgeschichtlichen  Ereignissen  nur  einen  Ausfluß  der  damaligen  „Pro-
            
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