Full text : Wissenschaftlicher Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Bolschewismus

—  62

lohn  des  in  berufsgenossenschaftlichen  Betrieben  beschäftigten  Vollarbeiters
ist  seit  1898  um  rund  37—38  v.  H.,  das  Warenpreisniveau  in  der  nämlichen
Zeit  um  rund  28  o.  H.  gestiegen.  Die  Differenz  zwischen  beiden  Steigerungsziffern ­
  gibt  die  Bewegung  des  Reallohnes  an,  der  feit  1893  bis  einschließlich ­
  1906  um  ca.  12—13  v.  H.  zugenommen  hat."
Die  Arbeiterschutzgesetzgebüng  zwang  die  Unternehmer  im  Interesse  des
Arbeiters  Anlagen  zu  errichten,  um  seine  Gesundheit  zu  schützen,  er  müßte
sich  mit  kürzerer  Arbeitszeit  begnügen,  besondere  Kinderschutzgesetze  minderten ­
  die  gewerbliche  Beschäftigung  der  Kinder  und  Jugendlichen  beträchtlich ­
  oder  verboten  sie  sogar  gänzlich,  die  gewaltigen  Arbeitnehmerorganisationen ­
  mit  ihren  Hunderttausenden  und  Millionen  Mitgliedern  und  zum
Teil  Riesenvermögen  —  die  freien  Gewerkschaften  Deutschlands  allein  verfügen ­
  Aber  ein  Vermögen  von  rund  100  Millionen  Mark  —  stärkest  das
Selbstbewußtsein  und  die  wirtschaftliche  Macht  der  Arbeiter  ungemein,  und
hoben  ihre  Intelligenz  und  allgemeine,  politische  wie  kulturelle  Reife
außerordentlich!  Zweifelsohne  war  die  gange  Kültürentwickelung  der  letzten ­
  Jahrzehnte  der  Arbeiterklasse  nicht  abträglich  und  verderblich,  wie  Marx
es  lehrte,  sondern  in  höchstem  Grade  förderlich!  Ein  ganz  gewaltiger  Fortschritt ­
  hat  sich  seit  der  Abfassung  des  „Kommunistischen  Manifestes"  und  des
„Kapitals"  in  der  staatsbürgerlichen  Stellung  des  Arbeiters  vollzogen!.  Er
gibt  bei  fast  allen  politischen  Wahlen  den  Ausschlag,  und  bildet  heute  die
herrschende  Schicht  Deutschlands.  Da  klingt  es  abgeschmackt  und  grotesk  noch
von  „Sklaverei"  und  zunehmender  „Ausbeutung"  zu  reden  und  zu  schreiben.
Die  Unhaltbarkeit  der  Verelendüngstheorie  liegt  klar  zu  Tage.  Die  Revisionisten, ­
  insbesondere  Eduard  Bernstein  und  Kampfmeyer  —  haben  sie
deutlich  erkannt  und  restlos  aufgegeben.  Bernstein  sagt  es  offen  (Voraussetzungen, ­
  S.  43,  103  und  172  flg.):  „Die  moderne  Lohnarbeiterschaft  ist  nicht
die  gleichgeartete,  in  bezug  auf  Eigentum,  Familie  usw.  gleich  ungebundene
Masse,  die  im  „Kommunistischen  Manifest"  vorausgesehen  wird.  Große
Schichten  heben  sich  uns  ihr  zu  kleinbürgerlichen  Existenzen  empor."  Aber
selbst  in  strenggläubigen  altmarxistischen  Kreisen  sah  man  sich  zu  einer
Preisgabe  der  Theorie  in  ihrer  absoluten  Gestalt  genötigt,  die  Tatsachen
redeten  eben  eine  zu  deutliche  Sprache.  So  muß  selbst  Kautsky  in  feinem
Juni  1906  verfaßten  Vorwort  zur  achten  Ausgabe  des  „Kommunistischen
Manifestes"  offen  einräumen  (S.  6),  in  den  Reihen  der  Arbeiter  wachse  die
Zahl  derjenigen,  „deren  Lebens-  und  Arbeitsbedingungen  sich  über  die  der
kleinen  Handwerker,  Händler  und  Bauern  erheben.  Die  Lage  vieler  Schich-'
len  der  besitzlosen  Arbeiter  erhebt  sich  heute  über  die  weiter  Kreise  von  besitzenden, ­
  d.  h.  im  Besitze  ihrer  Produktionsmittel  befindlichen  Arbeitern.
Man  kann  daher  heute  nicht  mehr  mit  dem  „Kommunistischen  Manifeste"
sagen:  Der  Arbeiter  wird  zum  Pauper,  er  sinkt  immer  tiefer  unter  die  Bedingungen ­
  seiner  eigenen  Klasse  herab."  Rur  durch  recht  künstliche  Umdeutung ­
  in  einem  pfychologifchen-subjektiven  Sinne,  der  Arbeiter  empfände  heute
zufolge  der  Steigerung  seines  Selbstbewußtseins  und  seiner  gehobenen  kulturellen ­
  Stellung  seine  Abhängigkeit,  seinen  „Drück",  seine  „Ausbeutung"
und  „Knechtschaft",  besonders  tief  und  schmerzlich,  sucht  er  im  übrigen!  die
Lehre  aufrecht  zu  erhalten.  Aber  er  tut  damit  dem  klaren  und  deutlichen
Wortlaut  des  kommunistischen  Manifestes  und  des  Kapitals  (vergl.  die  oben
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.