Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

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Die neuen Seekanäle. 
Es ist charakteristisch für unser Zeitalter weltwirtschaftlicher Betätigung, in der schließ 
lich die gesamte bewohnte Erde ein einziges großes Wirtschaftsgebiet werden wird, daß trotz 
des immer feiner sich verästelnden Eisenbahnnetzes in allen Ländern alle großen Städte und 
Mittelpunkte des Welthandels von einem alljährlich unverkennbarer hervortretenden Drang 
znm Meere erfaßt worden sind, der sich allenthalben in dem Bestreben kundgibt, an die znm 
Meere führenden, schiffbaren Flüsse und, wenn irgend möglich, an die von Seeschiffen zu 
befahrenden Wassergebiete gute Anschlüsse zu gewinnen. Immer klarer bricht sich die Er 
kenntnis Bahn, daß es eine verkehrsgeographische Notwendigkeit und keineswegs ein Zufall 
ist, wenn die stolzesten Zentren des Handelsverkehrs im 1.9. und 20. Jahrhundert durch 
weg an solchen Stellen liegen, wo gleichzeitig ein sicheres und bequemes Anlaufen der 
größten Seeschiffe möglich ist und ein größerer Fluß einen leicht zugänglichen Weg in ein 
gcwerbe- und handelsfrohes Hinterland eröffnet. London, Rotterdam, Antwerpen, Ham 
burg, Marseille, New Uork, Buenos Aires und andre ähnlich gelegene Orte, in zweiter 
Linie auch Bremen, Stettin, Danzig, Petersburg, Stockholm, Odessa, Astrachan, Alexandria, 
New Orleans, usw. sind gewissermaßen die von der Natur prädestinierten Stellen für einen 
größtmöglichen Aufschwung des Handels- und Verkehrs leb ens. Diese Erkenntnis bricht 
sich immer mehr Bahn, und demgemäß drängen selbst tief im Binnenland gelegene Städte 
ungestüm nach guten Wasserverbindungen mit den hauptsächlichsten Seehäfen, während die 
küstennahen, aber nicht ohne weiteres für Seeschiffe zugänglichen größeren Plätze darauf 
bedacht sind, durch künstlich angelegte, tiefe Wasserstraßen die Seeschiffe zu sich heranzu 
locken, wobei oft genug die städtischen Wünsche sich mit den verkehrspolitischen Absichten 
der jeweiligen Regierungen begegnen. 
So sind denn in den letzten Jahrzehnten verschiedene sehr bedeutsame Seekanäle 
entstanden, welche der Seeschiffahrt künstliche Zugänge zu sonst nicht ohne weiteres erreich 
baren wichtigen Handelsplätzen eröffnen. Drei dieser Seekanäle, die einer bestimmten Stadt 
zugute kommen, wurden schon oben erwähnt: der Manchester Seekanal (S. 501), der 
Amsterdamer Seekanal (2. 492) und der Petersburg—Kronstädter Seekaual 
(<3. 513). : In ähnlicher Weise wurde 1905 der Brügger Seekanal und 1901 der 
Königsberger Seekanal dem Verkehr übergeben. 
Die künstlich geschaffenen Kanäle bedürfen dabei verhältnismäßig sehr häufig der Ver 
tiefung und Erweiterung. Tie beängstigend rasch wachsenden Dimensionen der Schiffe 
haben oft genug schon wenige Jahre nach der Eröffnung eines neuen, großartigen Kanal- 
nnternehmens die gewählten Dimensionen veraltet scheinen lassen. So horten wir auf 
S. 500, daß der 1869 eröffnete Suezkanal schon 1884 erweitert werden mußte. Eine 
neue Erweiterung auf 9 m Tiefe und 20 m Sohlenweite ist 1911 in Angriff genommen 
worden. 
Ähnlich ist es dem deutschen Kaiser-Wilhelm-Kanal ergangen, der 1895 eröffnet 
wurde (S. ,503ff.). Tie Benutzung dieses Kanals ging in kürzester Zeit ganz bedeutend 
über den Voranschlag hinaus, der mit einer Befahrung durch jährlich 18000 Schiffe mit 
51/2 Millionen Netto-Registertonnen Raumgehalt rechnete. Die tatsächlichen Verhältnisse ge 
stalteten sich in der Weise, daß schon im ersten vollen Betriebsjahr, 1896, die veranschlagte 
Zahl der durchfahrenden Schiffe überschritte:! wurde: es benutzten damals nämlich 19 660 
Fahrzeuge den Kanal, zwölf Jahre nach der Eröffnung, 1907, aber nicht weniger als rund 
35000 Schiffe mit 6423 000 Netto-Registertonnen und im 16.Jahr (1910) 45569 Schiffe 
mit 7 679339 Registertonnen. 
Nachdem der Kaiser-Wilhelm-Kaual etwa ein Jahrzehnt lang den Ansprüchen der 
dcutschen Kriegsmarine genügt und auch trotz des immer steigenden Verkehrs der Handels 
schiffahrt große Dienste geleistet hatte, mußte der Erkenntnis Raum gegeben werden, daß 
seine Einrichtungen im Vergleich zu den stetig wachsenden Anforderungen der Kriegsmarine 
und der Handelsschiffahrt an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt seien und bald 
unzulänglich sein würden.
	        
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