Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

»Kaiser-Wilhelm-Kanal.  Panamakanal.

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Tie  Schiffsabmessungen  hatten  sprungweise  und  in  ungeahntem  Maße  zugenommen,
und  cs  scheint  so,  als  ob  diese  Entwicklung  bei  weitem  noch  nicht  ihr  Ende  erreicht  hat.
Schon  seit  einigen  Jahren  können  die  größten  Handelsschiffe  den  Kaiser-Wilhelm-Kanal
nicht  mehr  befahren,  und,  was  im  Sinne  der  Wehrhaftigkeit  des  Deutschen  Reiches  erheblich ­
  bedenklicher  ist:  auch  die  neueren  Linienschiffe  und  die  großen  Kreuzer  können  durch
den  alten  Kanal  und  seine  Schleusen  nicht  mehr  hindurchkommen.
Auf  Grund  eines  Gesetzes  von  1907  wurden  daher  Verbesserungen  der  Kanallinie
geschaffen.  Von  größeren  Änderungen  ist  der  Durchstich  bei  Rade  und  die  Geradelegung
der  Strecke  zwischen  Levensau  und  Holtenau  mit  Hilfe  zweier  Durchstiche  zu  nennen.  Die
neue  Kanalmittellinie  wird  erheblich  flachere  Krümmungen  als  der  jetzige  Kanal  aufweisen.
Radien  unter  1800  in  wird  der  Kanal  künftighin  nicht  mehr  kennen.
Das  neue  Kanalnormalprofil  soll  44  m  Sohlenbreite  bei  11  in  Wassertiefe  unter  gewöhnlichem ­
  Kanalwasserstande  und  102  in  Wasserspiegelbreite  bei  diesem  Wasserstande
haben:  dadurch  vergrößert  sich  der  Wasserquerschnitt  auf  825  qm.  Tie  neue  Sohle  wird
doppelt  so  breit  wie  die  bisherige  und  der  neue  Wasserquerschnitt  auch  doppelt  so  groß
sein,  während  die  Tiefe  um  2  m  erhöht  wird.
Unter  allen  Seekanälen  der  letzten  Jahre  aber  hat  kein  andrer  ebenso  oft  und  anhaltend ­
  die  Gemüter  der  Kulturwelt  beschäftigt  wie  der  seiner  Vollendung  entgegengehende
Panamakanal.  Das  traurige  Schicksal  des  alten  Lessepsschcn  Unternehmens  wurde  bereits ­
  auf  S.  515  erörtert.  Seit  der  Jahrhundertwende  ist  nun  die  Angelegenheit  in  ein
neues  Stadium  getreten,  das  entschieden  als  aussichtsreicher  bezeichnet  werden  muß,  obwohl
sich  nicht  verhehlen  läßt,  daß  das  letzte  Wort,  ob  das  Unternehmen  wirklich  in  einer  den
hochfliegenden  Erwartungen  entsprechenden  Weise  zu  Ende  geführt  werden  kann,  noch  ganz
und  gar  nicht  gesprochen  worden  ist.
Schon  Ende  der  neunziger  Jahre  gingen  die  Vereinigten  Staaten  daran,  das  Unternehmen, ­
  an  dem  die  französische  Gesellschaft  verblutet  war,  als  staatliches  Werk  fortzuführen.
Zwar  war  die  Unionsregierung  England  gegenüber  durch  den  Clayton-Bulwer-Vcrtrag
von  1850  gebunden,  wonach  keiner  von  beiden  Staaten  einen  Kanal  durch  den  mittelamerikanischen ­
  Isthmus  als  staatliches  Unternehmen  in  Angriff  nehmen  durfte;  aber  durch
den  neuen  Hay-Pauncefote-Vertrag  vom  18.  November  1901  erlangte  die  amerikanische
Regierung  die  Aufhebung  des  älteren  Vertrages.  1902  wurde  durch  die  Spooncr-Bill
die  Herstellung  des  Panamakanals  ans  Staatskosten  zum  Gesetz  erhoben,  im  November  1903
bewirkte  der  amerikanische  Einfluß  hinter  den  Kulissen  die  Losreißung  Panamas  von  Kolumbien ­
  auf  revolutionärem  Wege  und  die  Schaffung  der  „selbständigen"  Republik  Panama,
am  23.  April  1904  kaufte  die  Unionsregierung  den  Lessepsschen  Kanal  für  40  Millionen
Dollar  an,  und  am  4.  Mai  1904  übernahm  sie  den  Kanal,  nachdem  einige  Wochen
zuvor  durch  Vertrag  (vom  18.  November  1903)  mit  der  neuen  Republik  Panama  der
künftige  Kanal  nebst  einem  je  10  Meilen  breiten  Landstreifeu  auf  seinen  beiden  Ufern
territoriales  Eigentum  der  Vereinigten  Staaten  geworden  war.
Die  französische  Gesellschaft  hatte  die  Schaffung  eines  Niveaukanals  geplant,  der
73  lern  lang  und  8i/z  in  tief  sein  sollte  bei  40  m  Spiegel-  und  22  m  Sohlenbreite.  1887,
als  die  Ausgaben  für  den  Kanal  schon  eine  beängstigende  Höhe  erreicht  hatten,  war  man
dann,  wie  erwähnt,  zum  Schleusenkanal  übergegangen,  doch  der  Zusammenbruch  der  Gesellschaft ­
  ließ  die  Arbeiten  nicht  viel  weiter  gedeihen.  Die  Amerikaner  entschieden  sich,  nach
langem  Hin  und  Her,  für  einen  Schleusenkanal,  und  als  solcher  wird  er  denn  nun
auch  tatsächlich  gebaut,  wobei  Oberst  Goethals  die  Leitung  des  Baues  in  Händen  hat.
Der  Kanal  beginnt  bei  Colon  und  läuft  zunächst  durch  die  Limonbucht  nach  Mindi.
Hier  beginnt  der  erste  Durchbruch  nach  Gatun,  es  schließt  sich  ein  großes,  22  englische
Meilen  langes  Staubecken  an,  dessen  Ende  bei  Obispo  liegt.  Dann  folgt  der  zweite,  erheblich ­
  größere  Durchstich,  der  sogenannte  „Culebraeinschnitt".
Dieser  10  Meilen  lange  Durchstich  geht  über  die  Wasserscheide  hinweg  und  endet  in
Paraiso,  wo  ein  zweites  kleineres,  bis  La  Boca  reichendes  Staubecken  beginnt.  Der  Kanal
            
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