Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

172

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

des  Gleises  (Schienenstöße)  und  der  Brücken  nicht  die  Überschreitung  eines  gewissen  Raddruckes. ­
  In  England  geht  man  wegen  des  dort  üblichen  kräftigen  und  geradezu  vorzüglichen ­
  Oberbaues  mit  dem  Treibraddruck  bis  auf  9500  kg.  In  einzelnen  Fällen  ist  man
in  Nordamerika  sogar  auf  10000  kg,  ja  selbst  auf  10950  kg  (Illinois  Zentralbahn,  vergl.
S.  226)  gegangen.  In  Deutschland  waren  bisher  nur  7000  kg  Radbelastung  zulässig.
Bei  denjenigen  Strecken  jedoch,  die  endlich  einen  schwereren  Gleisbau  erhalten  haben,
bezw.  in  Zukunft  bekommen,  und  deren  Brücken  natürlich  auch  kräftig  genug  sind,  ist  seit
Herbst  1898  ein  Raddruck  von  8000  kg  zugelassen  worden.
Die  Abmessungen  der  Lokomotivmaschine,  der  zulässige  Dampfdruck  und  der  Durchmesser ­
  der  Treibräder  müssen  der  aus  der  Achsbelastung  sich  ergebenden  Adhäsionszugkraft ­
  genügen,  anderenfalls  kann  nur  die  durch  sie  begrenzte  größte  Anzugskraft  ausgeübt ­
  werden.  Die  Lokomotive  mit  einer  Treibachse  vermag  daher  auf  deutschen  Bahnen
eine  größte  Anzugskraft  von  =  2154  kg  zu  äußern,  welcher  Wert  bei  den  neuen
Lokomotiven  auf  2462  kg  anwachsen  kann.
Sind  die  Züge  kurz,  so  daß  ihr  Widerstand  gegen  die  Bewegung  kleiner  ist  als
obiger  Zahlenwert,  so  können  sie  von  einer  Lokomotive  in  Gang  gebracht  werden.  Sind
sie  aber  schwerer,  und  genügt  auch  die  durch  Besandung  des  Gleises  hervorgerufene  Adhäsion ­
  nicht,  so  muß  man  noch  eine  zweite  Lokomotive  vor  den  Zug  spannen  oder  diesen
durch  eine  solche  nachschieben  lassen.  Dieselbe  wird  Vorspann-  bezw.  Schiebelokomotive ­
  genannt.  Ein  Betrieb  mit  2  Lokomotiven  ist  aber  umständlich  und  vor
allem  unwirtschaftlich.
Die  heutigen  Personen-  und  Schnellzüge  sind  fast  immer,  die  Güterzüge  wohl  stets
so  schwer,  daß  eine  Treibachse  für  das  Anziehen  nicht  genügt.  Darum  verbindet  man
zwei  oder  mehr  Radachsen  durch  steife  Kuppelstangen  mit  der  Treibachse,  wobei  selbstverständlich ­
  alle  Raddurchmesser  genau  gleiches  Maß  haben  müssen,  überträgt  also  die
Dampfarbeit  statt  auf  zwei  nunmehr  auf  vier,  sechs  oder  noch  mehr  Räder.  Bei  entsprechenden ­
  Abmessungen  kann  nun  die  Lokomotive  eine  größte  Anzugskraft  äußern,  die
im  Mittel  dem  6,s  ten  Teile  des  Gesamtdruckes  aller  gekuppelten  Räder  entspricht.  Abb.  170
zeigt  die  größte  Güterzuglokomotive  der  preußischen  Staatsbahnen,  bestimmt  für  deren
Gebirgsstrecken.  Die  8  gekuppelten  Räder  pressen  die  Schienen  mit  insgesamt  55  500  kg,
die  größte  Anzugskraft  beträgt  sonach  hier  im  Mittel  8540  kg.  Die  zur  Zeit
schwerste  und  kräftigste  Lokomotive  der  Welt  ist  die  16rädrige  Doppellokomotive  der
Mexikanischen  Zentralbahn.  Sie  wiegt  dienstbereit  113  500  kg,  wovon  95  300  kg  den
12  gekuppelten  Rädern  zufallen.  Diese  Rtesenlokomotive  kann  daher  eine  größte  Anzugskraft ­
  von  14  660  kg  äußern.
Der  Kessel  muß  so  berechnet  und  bemessen  sein,  daß  er  während  der  Fahrt  die
nötige  Dampfmenge  andauernd  und  sicher  liefert.  Die  zur  Zeit  stärksten  Lokomotiven
erfordern  stündlich  über  10000  kg  Dampf,  die  vierachsigen  Schnellzuglokomotiven  der
preußischen  Staatsbahnen  bei  schnellster  Fahrt  (90  kni  in  der  Stunde)  gegen  8500  kg
und  die  dreiachsige  Güterzuglokomotive  dieser  Bahnen  etwa  5500  kg.  Solche  gewaltigen
Dampfmassen  lassen  sich  aber  nur  durch  schnelle  Verbrennung  einer  großen  Menge  guter
Kohlen  erzeugen,  was  wiederum  eine  große  Heizfläche  und  künstlichen  Zug  zwecks  lebhafter ­
  Feueranfachung  bedingt.
Aus  vorstehendem  ersieht  man,  daß  die  Leistungsfähigkeit  einer  Lokomotive,  das  ist
das  Produkt  aus  Zugkraft  (Z)  und  Geschwindigkeit  (v),  von  dreierlei  abhängt:
1)  von  der  Zahl  der  gekuppelten  Räder  oder  genauer  von  dem  Adhäsionsgewicht  der
Lokomotive,  das  ist  nach  obigem  dasjenige  Gewicht,  mit  welchem  die  Treib-  und  Kuppelräder ­
  auf  die  Schienen  drücken,
2)  von  der  Verdampfungsfähigkeit  des  Kessels,
3)  von  den  Abmessungen  der  Dampfmaschine  (Cylinderdurchmesser,  Kolbenhub,
Dampfdruck)  und  des  Treibraddurchmessers.
Alle  drei  Gesichtspunkte  erfordern  bei  einer  neu  zu  entwerfenden  Lokomotive  sorgfältige ­
  Berücksichtigung.  Sie  müssen  sich  in  Rechnung  und  Entwurf  wiederspiegeln.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.