Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

270  Eisenbahnen:  Güterwagen.

stellen.  Die  gegossenen  Stahlblöcke  werden  hierbei  unter  schweren  Dampfhämmern
vorgeschmiedet,  dann  gelocht,  zu  Ringen  ausgetrieben  und  auf  einem  eigenartigen  Walzwerk ­
  zu  Radreifen  ausgewalzt.  Krupp  nahm  damals  in  allen  Hauptländern  ein  Patent
auf  seine  bedeutungsvolle  Erfindung.  Sie  brachte  ihm  derzeit  große  Summen  ein,  die  er
zum  Teil  auf  die  recht  kostspieligen  Versuche  zur  Verbesserung  seiner,  seit  vielen  Jahren
in  der  Welt  unerreicht  dastehenden  Gußstahlkanouen  verwandte.  Im  Jahre  1856  erfand
Henry  Bessemer  das  nach  ihm  benannte  Verfahren  der  Flußstahlerzeugung,  das  wie  auf
allen  Gebieten  der  Eisen-  und  Stahlindustrie  auch  im  Eisenbahnwesen  eine  vollständige
Umwälzung  herbeiführte.  Run  konnte  man  zu  verhältnismäßig  billigen  Preisen  ein  sehr
widerstandsfähiges,  dabei  gleichmäßiges  Material  verwenden.  Auch  die  Achswellen,  die
Fahrschienen  und  andere  Teile  wurden  nunmehr  aus  Bessemerstahl  gefertigt.  Als  es  dann
1865  Martin  gelang,  im  Flammofen  aus  Stahl-  und  Schmtedeisenabfällen  und  Eisenerzen ­
  einen  vorzüglichen  Flußstahl  herzustellen  und  die  Heizung  hierbei  nach  der
Siemensschen  Generativfeuerung  durchzuführen,  da  war  ein  noch  besserer  Baustoff  für
die  Reifen  gewonnen.  Freilich  waren  im  Laufe  der  Jahre  auch  die  Ansprüche  an  dessen
Güte  immer  höhere  geworden.  Die  Radlasten  waren  gewachsen,  die  Fahrgeschwindigkeiten ­
  vermehrt  und  die  Fahrlängen  der  Züge  gesteigert.  Da  ging  Krupp  dazu  über,  aus
einer  der  edelsten  Stahlarten,  dem  Tiegelflußstahl,  Radreifen  für  die  am  stärksten  beanspruchten ­
  Räder,  das  sind  die  Lokomotivtreibräder,  herzustellen.  Diese  Reifen  sind  von
ungemein  großer  Härte  und  Zähigkeit
und  besitzen  eine  Zerreißfestigkeit  von
mindestens  7000  kg/qcm.  Wie  alle
Kruppschen  Erzeugnisse,  errangen  sich
auch  seine  Tiegelflußstahlreifen  Weltruf.
Heute  trägt  sogar  ein  großer  Teil  der
in  Nordamerika  gebauten  Schnellzuglokomotiven ­
  Radreifen  von  Krupp.
Gewöhnlich  werden  die  Radreifen
kegelförmig  abgedreht,  dergestalt,  daß  die
279.  Nüdrriorm  üir  üee  den  beiden  flächen  eines  Räderpaares
gemeinsame  Kegelspitze  (8  in  Abb.  279)
in  die  Gleismitte  fällt.  Es  wird  dadurch  uamentlich  das  Schlingern  der  Fahrzeuge  im
Gleise  gemildert.  Die  Fahrschienen  werden  dementsprechend  gegen  die  Senkrechte  geneigt
und  zwar  mit  dem  Kopfe  nach  dem  Gleisinneren  zu,  um  den  Raddruck  möglichst  günstig  auf
die  Schienen  zu  übertragen  und  das  im  Abschnitte  „Oberbau"  erörterte  Kanten  derselben
zu  erschweren.  In  Nordamerika  kommen  auch  cylindrisch  gedrehte  Laufflächen  vor.  In
Deutschland  ist  dieses  wohl  nur  der  Fall  bei  den  Betriebsmitteln  der  hannoverschen  Kleinbahn ­
  Kirchlengern-Wallücke,  deren  60  ein-Gleis  auch  senkrecht  gestellte  Schienen  zeigt.
Neuere  Versuche  mit  cylindrisch  gedrehten  Rädern  auf  geneigt  stehenden  Schienen  ergaben
bei  Schnellzügen  der  preußischen  Staatsbahnen  unruhigeren  Gang.
Die  Laufflächen  der  Räder  einschließlich  Spurkränze  dürfen  sich  nicht  allzu  stark
auskaufen,  weil  sonst  der  Gang  der  Fahrzeuge  verschlechtert  und  gefährdet  wird.  Sie
müssen  in  solchem  Falle  wieder  auf  die  genaue  Form  und  bei  den  Treibrädern  der
Lokomotiven  sowie  bei  Personenwagen  auch  auf  gleichen  Durchmesser  abgedreht  werden.
Dieses  verursacht  namhafte  Arbeits-  und  Materialkosten,-  zudem  steht  das  Fahrzeug  so
lange  außer  Betrieb.  Bei  einer  großen  Verwaltung  spiegelt  sich  daher  der  Nutzen  harter,
zäher  Radreifen  in  größerer  Betriebssicherheit  und  in  großen  Ersparnissnmmen  wieder.
Neue  Radreifen  sind  70—75  mm  stark.  Ihre  geringste  zulässige  Stärke  ist  bei  allen
Eisenbahnverwaltungen  genau  vorgeschrieben.  Sie  beträgt  z.  B.  für  deutsche  Hauptbahnen ­
  25  mm  (im  Laufkreise  der  Räder  gemessen).
Die  Radreifen  werden  auf  die  Räder  aufgeschrumpft,  d.  h.  man  dreht  sie  innen
um  Viooo  des  Raddurchmessers  kleiner  aus  und  vergrößert  ihre  Weite  vorübergehend
durch  Erhitzen,  so  daß  sie  um  den  Radkörper  gelegt  werden  können.  Beim  Erkalten
schrumpfen  sie  zusammen  und  haften  dann  sehr  fest  auf  demselben.  Durch  das  stetige
            
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