348 Eisenbahnen: Stadtbahnen.
Von 1075 000 Menschen befahren. Wollte man diese Menge in den bei uns vorkommen
den größten Personenzügen befördern, d. s. die Militärzüge, die bis 56 zweiachsige Wagen
führen, so würden sich 400 vollbesetzte Züge dieser Art ergeben, die, unmittelbar hinter
einander aufgestellt, zusammen eine Gleislänge von etwa 230 km, also fast die Ent
fernung Hamburgs von Osnabrück, bedingen würden.
Stadtbahnen müssen die Straßen freilassen; sie sind daher über oder unter diese
zu legen, somit als Hoch- oder Tiefbahn auszuführen. Sie erfordern zur Bewältigung
des starken Verkehrs mindestens zwei Gleise. Die dichte Bebauung städtischen Geländes,
die oft erstaunlich hohen Bodenpreise im Herzen der Städte, erschweren und verteuern
aber die Anlage solcher Bahnen sehr, nicht minder auch die Inanspruchnahme des Unter
grundes durch Wasser-, Gas-, elektrische und Rohrpostleitungen, sowie namentlich durch
die oft recht umfangreichen Kanäle für die Abwässer.
Die Tiefbahnen werden entweder so tief in das Erdreich gelegt, daß sie unter den
Fundamenten der Gebäude sich hinziehen, wobei sie in ihrer Richtung nicht eng an die
Straßenzüge gebunden sind — sie heißen dann Untergrundbahnen — oder sie liegen mit
ihrem Tunnelscheitel dicht unter dem Straßenpflaster und folgen dann naturgemäß dem
Lauf der öffentlichen Straßen; sie werden Unterpflasterbahnen genannt. Hochbahnen
werden durch Eisengerüste oder durch Steinbögen, seltener durch Erddämme oder Holz
bauten gestützt.
Die älteste Stadtbahn (Untergrundbahn) besitzt London; sie wurde bereits 1853
vom Parlament genehmigt, aber erst 1860 in Angriff genommen. Dann begann Anfang
der 70 er Jahre der Bau der New Iorker Hochbahnen (Eisengerüste inmitten der
Straßen), wiederum fast 10 Jahre später folgte die Berliner Stadtbahn (Steinbögen am
Spreeufer, durch die Häuserblocks u. s. w.), bis 1890 in London abermals durch die
elektrische Untergrundbahn (gußeisernes Tunnelrohr) ein neues Tiefbahnsystem eingeführt
wurde, dem nach einem weiteren Jahrzehnt durch die im Jahre 1900 eröffnete Schwebebahn
Elberfeld-Barmen eine ganz neuartige Hochbahn sich zugesellte.
So sind nach und nach — seltsamerweise in fast genau 10 jährigen Zeiträumen —
5 Stadtbahnsysteme entstanden. In ihrer Bauart grundverschieden voneinander, haben
sie doch alle in gleicher oder abgeänderter Anordnung Nachahmung gefunden. Die Anfang
der 90er Jahre eröffnete Zentralbahn in Glasgow ist z. B. mehr oder weniger nach dem
Vorbilde der älteren Londoner Untergrundbahnen angelegt, ebenso die Liverpooler, Bostoner
und Chicagoer Hochbahn (Abb. 56) nach dem der New Dorker. Der 1898 eröffneten Wiener
Stadtbahn hat die Berliner Hochbahn als Vorbild gedient, während die Röhren-Tiefbahn
mehrfache Nachahmung in London, Amerika und in Berlin (Spreetunnel) gefunden hat.
Auch die Schwebebahn ist nicht auf Elberfeld—Barmen beschränkt geblieben. Die zur
Zeit im Bau befindliche elektrische Hochbahn von Siemens & Halske in Berlin, welche
streckenweise als Unterpflasterbahn zur Ausführung gelangt, hat für ihre Hochbahnlinien
Vorläufer in New Dork, Chicago und Liverpool, für die Unterpflasterbahn solche in London,
Glasgow und Budapest. Boston hat sich als erste amerikanische Stadt den Städten mit
Untergrundbahnen angereiht, Paris und New Dork werden darin in kurzem folgen, während
für Berlin ein vollständiges Netz von Untergrundbahnen (schmiedeisernes Tnnnelrohr)
geplant war, aber behördlicherseits abgelehnt ist. Vorläufig ist nur der Spreetunnel bei
Treptow nach dieser Bauweise zur Ausführung gebracht worden.
Jede dieser Anlagen bot eine Fülle großer Schwierigkeiten, die in sehr verschiedener
Weise überwunden wurden. Ihre eigenartige Ausführung, zugleich verschieden von den
oben erörterten Haupt- und Nebenbahnen, bietet eine wahre Musterkarte von hervor
ragenden Leistungen der Technik. Nicht minder bemerkenswert ist der Betrieb dieser
Bahnen, nirgends finden wir eine so dichte und schnelle Zugfolge wieder. —
Welcher Anordnung nun auch die Stadtbahn sein mag, stets muß ihr Linienzug sich den
gegebenen Verkehrsadern der Stadt thunlichst anschmiegen und mittels zahlreicher Stationen
anpassen, wenn sie die Straßen entlasten und eine wirkliche Verkehrserleichterung bilden,
sowie genügende Einnahmen zur Verzinsung ihres hohen Anlagekapitals erzielen soll.
Den Vorzug unter den bestehenden Stadtbahnen verdient in Bezug auf äußere Anlage