Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

350  Stadtbahnen:  Londoner  Untergrundbahnen.
erleichterung  geschaffen  ist,  zumal  sie  selbst  durch  die  unter  den  Docks  und  der  Themse  sich
hinziehende  East  Londonbahn  sowie  durch  verschiedene  zu  Tage  liegende  Außenlinien  unmittelbare ­
  Verbindung  mit  Londoner  Vororten  erhalten  haben.  Hierzu  trägt  namentlich
auch  ein  später  ausgeführtes  und  unter  dem  Namen  „The  'Widened  Lines“  bekanntes
Gleispaar  bei,  das  sich  zwischen  den  Stationen  King's  Croß  und  Moorgate  Street  eng
an  den  Jnnenring  anschmiegt,  dessen  Tunnel  bei  Farringdon  Street  unterfährt  und  daher
jenem  anfangs  außen,  sodann  innen  benachbart  ist.  Diese  Widened  Lines  vermitteln  einen
lebhaften  Verkehr  zwischen  den  im  Osten  Londons  gelegenen  Hauptbahnhöfen  nördlich  und
südlich  der  Themse.  Sie  werden  nach  S.  318  täglich  von  654  Zügen  befahren  und  zwar
von  Personen-,  Güter-  und  Viehzügen  in  buntem  Durcheinander.
Ein  unmittelbarer  Anschluß  des  Jnnenrings  an  die  Personengleise  der  Londoner
Hauptbahnen  besteht  allerdings  nicht,  die  meisten  großen  Kopfbahnhöfe  sind  jedoch  durch
Fußgängertunnel  mit  den  Untergrnndlinien  verbunden;  auch  mehrere  unterirdische  Güterbahnhöfe ­
  sind  angeschlossen  (vergl.  Abb.  53).  Zwei  Gesellschaften  betreiben  diese  Bahnen
und  zwar  in  scharfem  Wettbewerb.  Der  erste  Entwurf  zu  der  unterirdischen  Anlage  rührt
von  John  Fowler,  dem  späteren  Erbauer  der  Firth  of  Forthbrücke  (Abb.  112)  her.  Es  ist
dieses  der  nördliche,  1860  begonnene  Linienzug,  welcher  der  Metropolitan  Eisenbahngesellschaft ­
  gehört.  Der  südliche  Abschnitt,  der  Metropolitan  Distriktbahngesellschaft  gehörig,
wurde  1870  erbaut,  als  der  jetzt  eine  der  schönsten  Straßen  Londons  bildende  Themsekai
in  dem  alten  Flußbett  angelegt  wurde.  Lange  Jahre  blieb  der  Jnnenring  ungeschlossen,
das  nur  2800  nr  lange  Schlußstück  Mansionhouse-Aldgate  wollte  anfangs  keine  Gesellschaft
seiner  hohen  Kosten  wegen  ausbauen,  bis  es  schließlich  von  den  beiden  Bahnverwaltnngen
gemeinsam  ausgeführt  wurde;  damit  war  endlich  1884  der  Jnnenring  vollendet.
Die  Baugeschichte  dieser  Bahnen  ist  eine  Geschichte  voller  Mühen  und  Schwierigkeiten ­
  aller  Art.  Schon  die  Steigungsverhältnisse  weisen  darauf  hin.  Das  Londoner
Gelände  ist  stark  hügelig,  die  Bahnen  schmiegen  sich  ihm  eng  an.  Infolgedessen  wechselt
die  Höhenlage  der  Gleise  außerordentlich.  Auf  dem  südlichen  Abschnitt  liegen  sie  6,4  in
unter  Themsehochwasser,  auf  dem  nördlichen  dagegen  27 3 / 4  m  darüber.  Ihre  größte  Tiefe
unter  der  Erdoberfläche  beträgt  20  ra,  ihre  geringste  5  m.  Starke  Steigungen  waren
daher  nicht  zu  vermeiden;  solche  von  10°/,,,,  (1:100)  kommen  des  öfteren  vor,  selbst  auf
800  und  1600  in  Länge;  auch  14°/ 00  =  1  :  70  ist  mehrfach  vorhanden,  während  auf
Anschlußrampen  sogar  25  und  26°/ 00  sich  findet.  Ungünstig  sind  auch  die  Neigungs-Verhältnisse
  der  East  London-Bahn,  wie  aus  Abb.  348  ersichtlich  ist.  Der  ganze  Jnnenring ­
  liegt  nahezu  in  Krümmungen,  welche  zumeist  nur  200  m  Halbmesser  besitzen.  Wo
man  der  Lüftung  wegen  u.  s.  w.  offene  Einschnitte  statt  der  Tunnel  gewählt  hat,  findet
man  solche  häufig  bis  zu  10,  selbst  13m  Tiefe.  Die  Untergrundbahnen  zeigen  also  fast
das  Gepräge  einer  Gebirgsbahn,  wie  auch  Abb.  346  u.  347*)  erkennen  lassen.  Selbst
Stationen  liegen  mehrfach  in  starker  Steigung  und  scharfer  Krümmung.  Ihre  Anlage  war
in  den  meisten  Fällen  mit  besonderen  Schwierigkeiten  verknüpft.
Bei  Beurteilung  der  Bauarbeiten  dieser  Bahnen  ist  besonders  in  Betracht  zu  ziehen,
daß  vor  40  Jahren  noch  keinerlei  Erfahrungen  über  städtische  Untergrundlinien  vorlagen.
Den  banleitenden  Ingenieuren  wurde  dadurch  ihre  verwickelte  Aufgabe  ungemein  erschwert.
Sir  Benjamin  Baker,  der  Mitarbeiter  Fowlers  an  diesen  Bahnen  und  nachher  auch  an
der  Firth  of  Forthbrücke,  äußerte  selbst  später  in  einem  Vortrage,  daß  er  aus  persönlicher
Erfahrung  bezeugen  könne,  ein  wie  großer  Teil  derjenigen  technischen  Fragen,  deren  Lösung
jetzt  klar  gegeben  und  sicher  vorgezeichnet  sei,  derzeit  eingehende  Besprechungen  und  Erörterungen ­
  verursacht  hätte,  ehe  die  Bauleitung  sich  znr  Ausführung  entschließen  konnte.
Damals  habe  man  noch  nicht  gewußt,  in  welcher  Weise  Ausschachtungen  in  der  Nähe
großer  Gebäude  auszuzimmern  und  wasserfrei  zu  halten  wären,  ohne  letztere  zu  gefährden
und  den  Sand  unter  ihren  Fundamenten  fortzuziehen,  wie  letztere  zu  unterfangen  und
abzustützen  wären,  wie  die  Abzugskanäle  über  oder  unter  der  Bahnlinie  fortgeleitet,  wie
*)  Die  Abb.  351—365  sind  den  in  der  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  1891/92
über  die  Londoner  Untergrundbahnen  veröffentlichten  Aussätzen  des  Verfassers  entnommen;  vgl.
auch  L.  Troske,  „Die  Londoner  Untergrundbahnen  1892".
            
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