594
Schiffbau im Mittelalter.
ausgegrabene und im ethnologischen Museum zu Christiania aufgestellte Wikiugerschiff
(Abb. 590 gibt eine Photographie desselben wieder) soll aus dem 9. Jahrhundert
stammen. Dieses wohlerhaltene Schiff ist 25 in lang, 5 in breit und führte 32 Riemen.
Es ist ähnlich unseren jetzigen Holzschiffen aus Spanten und Planken zusammengebaut.
Die Schiffsform ist vorn und achtern scharf gehalten, die Bor- und Achtersteven sind
stark gewölbt und überragen die Bordwand um etwa einen Meter. Sie enden meistens
in einen phantastisch gehaltenen Tierkopf. Zum Steuern dient ein zur Seite des Hinter
schiffes an einen Vorsprung der Außenhaut gelagertes Ruder, so daß mit Hilfe desselben
die Takelage und die Segelfläche erheblich vergrößert werden konnte. Die Takelage
beschränkt sich auf einen Mast mit Quersegel. Außer der Zahl der Rojer •— Ruderer —
betrug die Besatzung der Wikingerschiffe 30 bis 70 Mann, und zum Schutz der Ruderer
dienten Schilde, welche am Schanzkleide aufgestellt waren. Ein Verdeck fehlte, jedoch
kam später im Hinterschiff eine Hütte, im Vorschiff ein kurzes Deck für die Kämpfer
hinzu. Im Jahre 1000 bis 1200 n. Chr. finden wir schon größere skandinavische
Schiffe von höherem Freibord mit einem Kastell auf dem Vorschiff, einer erhöhten
Hütte achtern sowie mit einer vergrößerten Takelage, welche sich auf drei Masten ver
teilt. Die Masten trugen im Top Mastkörbe zur Aufnahnie von Kriegern; auch
wußte man die Stellung der Segel so einzurichten, daß man auch bei halbem, d. h.
seitlichem Winde fahren konnte. Es tritt daher bei den nordischen Völkern zuerst das
Bestreben auf, die Segel fast ausschließlich zum Fortbewegen der Schiffe zu verwenden,
was bei den ausgedehnten Fahrten auf der hohen See, wo eine Benutzung der Riemen
erschwert ist, erklärlich erscheint.
Die skandinavischen Schiffe bilden nun die Vorläufer der Schiffe der deutschen Hansa,
welche im 12. Jahrhundert von den Kaufleuten der niederdeutschen Städte gegründet
wurde, um den Handelsverkehr gegen die räuberischen Einfälle und Verheerungen der Nor
mannen zn schützen. Mit der Ausdehnung des Handels des Hansabundes wuchs auch
seine Kriegsmacht und entstanden so Flotten, welche sogar später als Begleitschiffe für die
Kreuzfahrer ins Mittelländische Meer fuhren. Die hanseatischen Koggen (Abb. 591)
besaßen ähnlich den skandinavischen Schiffen vorn und hinten kastellartige Erhöhungen,
in denen anfangs Katapulten, später Geschütze Aufstellung fanden; sie wurden bis zu
einer Größe von 209 Tonnen Tragfähigkeit gebaut. Neben den Abmessungen der Fahr
zeuge wurden die Segelflächen stetig vergrößert, als durch die Einführung des am Hinter
steven fest gelagerten Steuerruders die Lenkung des Fahrzeuges bei dem erhöhten Segel
druck möglich wurde.
In die Zeit des Aufblühens der Hansa fällt die Entwickelung der Seemacht der
beiden Republiken Genua und Venedig und der mehrere Jahrhunderte lang geführte
Wettstreit beider Städte um die Seeherrschaft im Mittelländischen Meere, welcher schließ
lich mit der Überlegenheit der Venezianer endete. Die venezianischen Schiffe, die sogenannten
Galeeren, waren anfänglich scharf gebaute Ruderschiffe von niedrigem Freibord bis zu
50 in Länge. Die Riemen besaßen eine Länge von 15 in und wurden meist von
5 Mann bedient. Außerdem führten die Galeeren zwei Masten mit lateinischen Segeln.
Später kamen die Galeassen auf, völlig gebaute Fahrzeuge mit hohem Freibord und
mit größerer Takelage., Nur im Gefecht wurden sie mit Riemen bewegt. Bei den
größeren Schiffen findet man zum erstenmal vier Masten, die beiden vorderen, Fock
und Großmast mit Raasegeln, die beiden hinteren Besahnmasten mit lateinischen Segeln,
da die mit hohen Kastellen versehenen Fahrzeuge, um bei seitlichem Winde nicht abzu
treiben, eine größere Segelfläche erforderten (Abb. 592). Die Rohrgeschütze standen in
den beiden Kastellen.
Nach der Erfindung des Kompasses und der hierdurch ermöglichten Orientierung
auf hoher See begannen nun gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Portugiesen und
Spanier ihre glänzenden Entdeckungsfahrten und griffen auf diese Weise in die Ent
wickelung des Schiffbaues mächtig ein. Seit diesem Zeitpunkt tritt die Takelage der
Schiffe und ihre stete Verbesserung in den Vordergrund, während die Ruderboote für