Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

958  Die  großen  Hauptlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lande.
riesenhafte  Bahn  doch  durch  pünktlichen  und  zuverlässigen  Verkehr,  durch  Schaffung  aller
Bequemlichkeiten  in  ihren  gut,  ja  selbst  luxuriös  eingerichteten  Wagen  rasch  eine  steigende
Beliebtheit  beim  reisenden  Publikum  erworben,  und  heute  benutzen  auch  verwöhnte  Reisende,
wie  Prinzen,  Diplomaten  usw.,  für  die  Reise  von  Europa  nach  Ostasien  oder  umgekehrt  sehr
gern  die  Sibirische  Bahn,  die  durchschnittlich  zur  Zurücklegnng  der  Strecke  kaum  die  Hälfte  der
Zeit  gebraucht  wie  der  auf  den  Indischen  Ozean  und  den  Suezkanal  angewiesene  Schnelldampfer. ­
  Da  inzwischen  die  Südmandschurische  Bahn  auch  Anschluß  an  die  chinesischen
Bahnen  erlangt  hat  und  da  andrerseits  die  Japaner  von  Mukden  aus  eine  bequeme  Verbindung ­
  zum  koreanischen  Hafen  Fusan  geschaffen  haben,  so  wird  man,  wenn  in  naher
Zukunft  einige  abkürzende  Strecken  auf  der  Sibirischen  Bahn  fertiggestellt  sein  werden,
von  Berlin  nach  Tokio  und  nach  Peking  in  nur  etwa  14  Tagen  zu  gelangen  vermögen.
Die  letztgenannte  Verbindung  wird  sogar  noch  ganz  bedeutend  weiterhin  verkürzt  werden
können,  wenn  die  transmongolische  Bahn  durch  die  Wüste  Gobi  geschaffen  werden  wird,
die  eine  gradlinige  Verbindung  zwischen  der  nahe  dem  Baikalsee  gelegenen  Station  Werchne
Udinsk  der  Sibirischen  Bahn  und  der  chinesischen  Station  Kalgan  im  Nordwesten  von  Peking
herstellen  soll.  Diese  Bahn  würde  über  Kiachta  und  Urga  dem  Wege  der  alten  „Teestraße"
folgen,  auf  der  der  chinesische  Tee  vor  der  Eröffnung  der  Sibirischen  Bahn  nach  Europa
geschafft  wurde.  Prinzipiell  haben  sich  die  Chinesen  und  Russen  über  den  Bau  dieser
transmongolischen  Bahn  bereits  verständigt,  die  nur  auf  russischem  Gebiet  einige  kleinere
technische  Schwierigkeiten  bieten  würde,  und  wenn  auch  zurzeit  das  berechtigte  Mißtrauen
Chinas  gegen  die  russische  Expansionspolitik  jeder  transmongolischen  Bahn  widerstrebt
und  widerstreben  muß,  -so  wird  dieser  Schienenweg  wohl  später  einmal  geschaffen  werden,
der  künftig  die  Reise  Paris  bis  Peking  in  11  Tagen,  die  Reise  Berlin—Tsingtau  (Knautsch ­
  au)  in  12  Tagen  möglich  machen  würde.
Der  gewaltige  Wert  der  Sibirischen  Bahn  für  ganz  Europa  ist  aber  auch  schon  jetzt
unverkennbar,  nicht  zum  wenigsten  in  der  raschen  Beförderung  der  ostasiatischcu  Post,  die
früher  über  den  Suezkanal  oder  über  Nordamerika  befördert  werden  mußte  und  die  jetzt
über  Sibirien  nur  noch  die  halbe  Transportzeit  gegen  früher  beansprucht.  —  Für  die  Beförderung ­
  von  Gütermengen  im  Durchgangsverkehr  kommt  die  Sibirische  Bahn  nur  in
bescheidenem  Umfang  in  Betracht,  weil  die  Frachtkosten  eine  zu  große  Höhe  erreichen,  so  daß
von  einem  Wettbewerb  des  ostasiatischen  Durchgangsverkehrs  auf  der  Bahn  mit  den  älteren
Seewegen  kaum  die  Rede  sein  kann.  Doch  hat  die  Bahn  immerhin  eine  nicht  geringe  Bedeutung ­
  für  die  Ausfuhr  Sibiriens  selbst,  das  ja  der  modernen  Verkehrsverbindungen  mit
Europa  sonst  völlig  entbehrt.  Besonders  das  sibirische  Getreide,  doch  auch  Geflügel,  Fleisch,
Butter,  chinesischer  Tee  usw.,  neuerdings  auch  chinesische  Seide,  werden  auf  der  Sibirischen
Bahn  in  großen  Mengen  nach  dem  europäischen  Rußland  befördert,  und  ein  Teil  davon  geht
auch  über  die  russische  Grenze  hinaus  und  kommt  den  übrigen  europäischen  Ländern  zugute.
Übrigens  ist  Rußland  eifrig  bestrebt,  die  Verbindungen  zwischen  Sibirien  und  seinen  Ostseehäfen ­
  zu  verbessern,  um  somit  die  Ausfuhr  Sibiriens  immer  mehr  zu  fördern.
Neben  dieser  großartigen  Transkontinentalbahn  ist  im  20.  Jahrhundert  bisher  nur
noch  an  einer  Stelle  eine  bedeutende  Überlandbahn  zwischen  zwei  Meeren  neu  zustande
gekommen.  Pläne  zu  solchen  Überlandbahnen  sind  noch  in  großer  Menge  mannigfach  erörtert ­
  worden,  in  Asien  (Indo-Europäische  Bahn,  Bagdadbahn),  in  Afrika  (Kap—Kairo-Bahn,
Swakopmund—Beira,  Benguella—Daressalam  usw.),  in  Australien  (Sydney—Perth,
Sydney—Port  Darwin)  und  in  Amerika  (zweite  Kauada-Pazifikbahn,  verschiedene  neue  Überlandbahnen ­
  auf  dem  mittelamerikanischen  Isthmus  und  in  Südamerika),  aber  nur  an  einer
Stelle  haben  sie  nach  jahrzehntelangem  Hin  und  Her  noch  zu  einem  greifbaren  Ergebnis  geführt,
nämlich  in  Südamerika  zwischen  Buenos  Aires  und  Valparaiso.  Hier  ist  seit  1909
die  Transandinobahn  (llspallatabahn)  nach  mannigfach  ivcchselndcn  Geschicken
fertiggestellt  und  in  Betrieb  genommen  morden,  die  für  das  Wirtschaftsleben  Südamerikas
kaum  eine  geringere  Rolle  spielen  wird  als  die  Sibirische  Bahn  für  Asien  und  Europa.  Auch
auf  Europas  Verkehrsbeziehungen  wirkt  die  transandinische  Bahn  in  sehr  merklicher  Weise
zurück.
            
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