222
III. Der Kapitalmarkt.
in selbständige ausländische Aktiengesellschaften umgewandelt, deren
Kapital überwiegend an ausländische Aktionäre abgestoßen wird.
In größerem Umfang finden internationale Kapitalwanderungen
bei planmäßiger Vergleichung der Ertragsaussichten nur auf dem
organisierten Kapitalmarkt statt. Bei Hausse auf dem heimischen Kapitalmarkt
pflegen die Besitzer großer vermögen Aktien ausländischer
Plätze, auf welchen höhere Rentabilität herrscht, zu erwerben, lväre
dieses Vorgehen allgemein, würden alle Kapitalbesitzer und Verwalter
zur fteien internationalen Disposition berechtigt sein und würden alle
Effekten an allen Märkten gehandelt werden, so würde sich Zins- und
Rentabilitätsrate international ausgleichen. Die Besitzer mittlerer
und kleinerer vermögen pflegen aber ausländische Aktien — nicht
Renten — bei steigenden Kursen und sinkender Rentabilität zu erwerben-
Sparkassen, Versicherungsgesellschaften, Stiftungen sind zu
nationaler Anlage verpflichtet; nur Werte großen Kapitalbetrags
sind international verkehrsfähig. Diese drei Momente setzen der Ausgleichung
der Rentabilitätsrate große Hindernisse entgegen, während
bei der Zinsrate die Tendenz zum internationalen Ausgleich sich entschiedener
durchsetzt.
52. Die Wirkungen des Verkehrs unter den Kapitalmärkten.
Die Diskussion über die Bedeutung der Kapitalanlage im Ausland
wird seit Jahrzehnten mit steigender Leidenschaft aber ohne deutliche
wissenschaftliche Ergebnisse durchgeführt. Die englische Enquete von
1840 und die französische in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
hat sich ausführlich mit diesen Fragen befaßt und namentlich
den Zusammenhang zwischen Kapitalanlage im Ausland und Krise
untersucht. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich auch die neuere deutsche
und ftanzösische Literatur mit diesem Gegenstand. Sie hat zu wirtschaftspolitisch
bedeutsamen Konsequenzen geführt.
Ausgangspunkt der Kritik war stets die Verschlechterung der Zahlungsbilanz,
die durch Begebung von Kapital ins Ausland herbeigeführt
wird. Die neumerkantile Richtung, welche die moderne Wirtschaftspolitik
beherrscht, hat in den Kapitalanlagen die einzige durch die Regierung
direkt beeinflußbare Post der Zahlungsbilanz erkannt. Man
kann heute nicht mehr wie ehedem — außer in Kriegszeiten — den
Untertanen die Reise ins Ausland verbieten, dagegen haben sich die
Grundsätze der neueren Schutzpolitik gegen Kapitalanlagen im Ausland
in der Praxis immer stärker durchgesetzt.