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III. Der Kapitalmarkt.
Schuldnerland selbst möglich, da sonst der Kreund oder Verbündete
finanziell geschwächt wird. — Schwache Staaten sind bei böswilliger
Zahlungseinstellung des Schuldners wehrlos — die großen Anlagen
Belgiens im Ausland zum Beispiel sind eine ungeschützte Aktivpost
der Wirtschaft. Nur wo auch die militärische Macht vorhanden ist, wie
bisher im Verhältnis zwischen England und seinen Kolonien, kann die
Uebernahme von Kapital ein loses Band enger flechten.
Die Literatur hat sich bisher ausschließlich mit den Wirkungen
der Kapitalbegebungen auf die Gläubigerstaaten befaßt, dagegen
die Wirkungen für die Schuldnerländer unberücksichtigt gelassen, viel
fach in der Annahme, daß hier die Kragen einfach liegen, da jene Staa
ten doch nur Interesse an der großen Kapitalzufuhr hätten. In der
Tat werden aber die Kapitalmärkte gerade der Schuldnerreiche und
ebenso die Banken und Staaten derselben vor ungleich größere Schwie
rigkeiten gestellt.
Oie Aufnahme von Anleihen oder die Begebung von Aktien im
Ausland bedeutet die Beschaffung von billigerem Kapital, und dieser
große Vorteil wird namentlich bei geringer Entwicklung der Wirtschaft
nicht von starken anderen Momenten durchkreuzt. Das wird aber
anders, je stärker die Entwicklung fortschreitet und je mehr der Gläu
biger Wirtschaftspolitische Nebenforderungen stellt.
Bei einer Verbindung von Ausländsanleihen und Industrie-
lieferungen kann der Schuldnerstaat nicht dort kaufen, wo er die Ware
am besten oder billigsten erhält, sondern dort, wo er die Anleihe be
kommt. Zudem werden die Bestrebungen zur Zörderung der eigenen
Wirtschaftspolitik gehemmt,- wo die Bedingungen für eigene Industrie
entwicklung gegeben sind, dort ist es Aufgabe der Banken, den Kapital
markt so zu organisieren, daß auswärtige Kapitaltransaktionen mit der
Bedingung der Industrielieferung nach Möglichkeit vermieden werden.
Oie Unterbringung inländischer Wertpapiere im Ausland ist nur
solange gesichert, als die Zinsspannung zwischen den Kapitalmärkten
anhält. Erhöht sich der Durchschnittszins im Gläubigerland durch
Aenderung der Konjunktur stärker als im Schuldnerland, so wird ein
Teil der im Ausland untergebrachten Effekten zurückkommen. Oie
Rückströmungen infolge der Bewegungen des Auslandsmarktes, welche
vom Schuldnerland nicht übersehen werden können und auf welche
die heimischen Banken keinen Einfluß zu üben vermögen, macht eine
zielbewußte Kapitalmarktpolitik unmöglich. Die Entwicklung des
Rentenmarktes und der Industriekonjunktur wird von der Situation
des auswärtigen Kapitalmarktes abhängig.